Die Wissenschaft ist berühmt für das Zelebrieren des unorthodoxen, zügellosen und ungehemmten Denkens, welches so eckig und kantig und klobig ist, dass es in keine normale Schublade passt. Das Genie kommt im Gewand des Wahnsinns daher und schert sich nicht um Konventionen. Wer neu denken will, muss frei denken, und wer frei denken will, der muss sich auch dann von Konventionen lossagen, wenn das Denken gar nicht im Mittelpunkt steht.
Leider wird dieses Bild des Wissenschaftlers als verschrobene Person, die Konventionen missachten muss um Spitzenleistungen im Denken zu vollbringen, immer noch viel zu sehr von Öffentlichkeit und Wissenschaft selbst gepflegt. Ich kann Franny in Salinger’s Roman Franny und Zooey gut verstehen, wenn sie sich über ihren Professor aufregt, den sie im Verdacht hat, sich die weißen Haare absichtlich zu zerzausen, um den Eindruck eines unermüdlichen Denkers zu unterstreichen.
[…] he’s just a terribly sad old self-satisfied phony with wild and woolly white hair. I think he goes into the men’s room and musses it up before he comes to class – I honestly do. (Salinger 1961, 126)
Die sozialen Medien haben sogar zu einer Verstärkung des Genieglaubens beigetragen, indem sie es möglich machen, öffentliche Forschung von privaten Marotten flankieren zu lassen. So sind wir nicht mehr länger darauf angewiesen, über Wissenschaftler zu lesen, wie sich diese privat verhalten, wir können nun in vielen Fällen direkt von ihnen selbst erfahren, was sie Komisches essen, zu welchen Unzeiten sie schlafen, oder wie sie in ihrem Genie Artikel kritisieren, ohne sie gelesen zu haben (was leider viel zu häufig vorkommt).
Die Folge ist ein Zerrbild wissenschaftlicher Forschung. Wissenschaft wird einerseits als Individualsport dargestellt, der von einzelnen Individuen angetrieben wird, die weitestgehend autonom agieren. Andererseits wird suggeriert, dass Wissenschaft in Schüben verläuft, in Form von Geistesblitzen, die sich zu bestimmten Zeiten entladen und der Menschheit neue Einblicke bescheren.
Beide Aspekte – die Rolle des Individuums und die Rolle des Geistesblitzes – entsprechen jedoch kaum der Praxis, mit der Menschen an Universitäten und Forschungsinstituten weltweit Forschung betreiben. Ganz im Gegenteil. Die Wissenschaft, die wir betreiben ist heutzutage eben gerade nicht individuell, sondern in den meisten Fällen kollaborativ, und sie beruht auch nicht auf dem Geistesblitz, der das Genie in der Badewanne heimsucht, sondern auf dem systematischen Ansammeln von Analysen und Informationen, sowie dem geduldigen Testen verschiedenster kleinster Ideen.
Das Bild vom wissenschaftlichen Genie, das von einem gelegentlichen Wahnsinn begleitet wird, stört mich nicht nur, weil es grundlegend falsch ist, es stört mich vor allem auch deshalb, weil es dazu führt, dass Forschung häufig mit problematischen Grundprämissen betrieben wird. Vor allem junge Forschende leiden darunter, wenn sie fälschlicherweise annehmen, dass von ihnen erwartet wird, innerhalb von vier Jahren Dissertation eine bahnbrechende neue Idee komplett eigenständig zu entwickeln. Dass wissenschaftliche Arbeit zum großen Teil auf Fleißarbeit beruht, auf dem akribischen Annotieren und Analysieren von Daten oder dem geduldigen Rezipieren von Texten, müssen viele erst mühsam lernen. Dass Wissenschaft eben nicht darin besteht, einsam vor sich hin zu wursteln, sondern in der Interaktion mit anderen Menschen neue Perspektiven zu gewinnen, die sich dann in gemeinsamen Arbeiten niederschlagen können, begreifen viele erst, wenn sie ihre erste kollaborative Publikation erfolgreich gemeistert haben, und sehen, wie viel ertragreicher und planbarer solche Ansätze sind. Die Wissenschaft fordert viel, aber was sie fordert, sind nicht kaum lesbar in Karton gekritzelte Geistesblitze, die die Nachwelt entschlüsseln muss, sondern transparent dokumentierte Arbeit, auf der andere nachhaltig aufbauen können.
Ich sehen in der Kombination aus Individualismus und Genievertrauen eine Mischung, die schon vielen talentierten Menschen die Karriere in der Wissenschaft verwehrt hat. Ich habe es oft erlebt, wie Menschen beharrlich kaum etwas publizieren und sich bis zum Auslaufen ihres Vertrages an die Hoffnung klammern, der eine Geistesblitz würde irgendwann schon noch kommen und ihnen ihre wissenschaftliche Zukunft sichern. Angetrieben von der Hoffnung, dass eine einzige Idee genügt, um in der Wissenschaft Karriere zu machen, verbauen sich viele Menschen ihre beruflichen Chancen systematisch, nur um schließlich voller Frust als vermeintlich verkannte Genies aus der Forschung auszusteigen.
Ich habe immer wieder mit Menschen zu tun, die diesen Irrweg gegangen sind und darunter leiden. Sie wenden sich mit vermeintlich genialen Ideen an mich und hoffen, dass ich es sei, der ihnen diese Genialität endlich attestieren werde. Mal wurde eine neue Sprachfamilie entdeckt, mal wurden alte Sprachen neu entziffert, mal wurden Muster in Daten gefunden, die kein Mensch zuvor gesehen hat, mal werden bahnbrechende neue Methoden etnwickelt, die das maschinelle Lernen revolutionieren können.
Der Umgang mit solchen Anfragen fällt mir nicht leicht. Ich lasse Emails ungern unbeantwortet. Ich mag es auch nicht, Ideen sofort als Spinnerei abzutun, wenn sie abstrus erscheinen. Wer weiß, vielleicht bin ich ja einfach zu dumm, sie zu verstehen. Daher reagiere ich meist höflich und schlage Wege vor, wie die Ideen traditionell geprüft werden könnten. Diese Wege bestehen im Verfassen traditioneller Artikel, die dann an Zeitschriften zur Begutachtung versandt werden. Das kommt leider nicht immer gut an, wohl, weil keine Zurückhaltung, sondern ungezügelte Begeisterung von mir erwartet wird. Warum sich Menschen gerade an mich richten, ist mir dabei auch nicht richtig klar. Ich denke, dass manch einer im Internet auf meine Arbeit stößt und dann zur falschen Auffassung kommt, dass ich – im Gegensatz zu all den anderen Kleingeistern da draußen – endlich verstehe, um was es geht, und die Genialität zu würdigen weiß.
Mir tun die Menschen leid, die diese Konflikte durchmachen müssen, und sich vielleicht bis zum Rest ihres Lebens als verkannte Genies fühlen. Ich kann mich selbst noch gut daran erinnern, wie nervös und verängstigt ich als junger Student war, der einerseits schon früh wusste, dass ihm Forschung gefällt, aber andererseits große Angst hatte, nicht in der Lage zu sein, geniale Ideen eigenständig zu entwickeln. Es hätte sicherlich geholfen, wenn man mir schon damals gesagt hätte, dass der Schlüssel zu guter Forschung eben gerade nicht darin liegt, alles daran zu setzen, den einen Weg zum Olymp zu finden.
Denn den einen Weg zur Lösung eines Problems gibt es meist ja auch gar nicht. Manchmal besteht die Leistung ja überhaupt erst darin, die Probleme als solche zu identifizieren (vgl. List 2024). Manchmal besteht sie darin, herauszufinden, was nicht funktioniert (vgl. Schooler 2011). Manchmal besteht sie – wie dies für meine Forschung vielleicht symptomatisch ist (vgl. List et al. 2022) – einfach darin, Daten so aufzubereiten, dass andere darin etwas entdecken können. Ganz egal, wie man nun forschen mag, es braucht dazu so gut wie nie wirkliches Genie, vom Wahnsinn ganz zu schweigen.
Literatur
List, Johann-Mattis. 2024. “Open problems in computational historical linguistics [Version 2; Peer Review: 5 Approved].”Open Research Europe 3 (201): 1–27. https://doi.org/10.12688/openreseurope.16804.2.
List, Johann-Mattis, Robert Forkel, Simon J. Greenhill, Christoph Rzymski, Johannes Englisch, and Russell D. Gray. 2022. “Lexibank, a public repository of standardized wordlists with computed phonological and lexical features.” Scientific Data 9 (316): 1–31. https://doi.org/10.1038/s41597-022-01432-0.
Salinger, Jerome D. 1961. Franny and Zooey. Boston: Little, Brown.
Schooler, Jonathan. 2011. “Unpublished results hide the decline effect.”Nature 470 (7335): 437. https://doi.org/10.1038/470437a.
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Johann-Mattis List (23. Juni 2026). … und Wahnsinn. Von Wörtern und Bäumen. Abgerufen am 5. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16g9w