kamm

Von dummen Kämmen

Mit großem Interesse habe ich einen Artikel von John McWhorter gelesen, der sich ganz am Rande mit der Geschichte des Wortes dumb im Englischen beschäftigt (McWhorter 2026). Dieses Wort selbst hat ja seine Entsprechung im deutschen Wort tumb, welches jedoch inzwischen fast vollständig von dem jüngeren und wahrscheinlich entlehnten Wort dumm ersetzt wurde. Wie so viele Wörter im Englischen hat auch das Wort dumb eine Aussprache, die der Schreibung nur in Teilen entspricht. Das b am Wortende ist nämlich stumm, es wird nicht ausgesprochen, weshalb das Wort dumb seiner teilverwandten Form dumm im Deutschen in der Aussprache recht ähnlich ist, wenn auch der Vokal ohne Lippenrundung produziert wird.

Den Anlass, sich mit dem Wort dumb auseinanderzusetzen, bietet jemand, dessen Namen auch auf einen bilabialen Plosiv endet, nämlich Donald Trump, der, wie Dale (2026) erklärt, sich in den letzten Monaten stark bemüht hat, den Vokal e im Wort democrat durch ein u zu ersetzen, um dadurch ein mäßig lustiges Wortspiel zu erzeugen, das im Deutschen wohl genauso gut funktionieren würde. Da sich in Deutschland aber alle Parteien, auch die latent undemokratisch gesinnten, als Demokraten ansehen, und keine Partei sich “die Demokraten” nennt, hat das Wort Dummokraten wohl schlechtere Chancen, sich im Deutschen durchzusetzen.

Das Problem der dumocrats des Präsidenten der Vereinigten Staaten besteht nun aber darin, dass es einen ästhetischen Makel aufweist. Das Schriftgefühl will das Wort als solches ungern akzeptieren, da die etymologische Verbindung zu dumb durch das fehlende b am Ende so schwer zu erkennen ist. Wenn man aber dumbokrats schreiben würde, dann würden die Geister der Social Media nutzenden Bevölkerung über eben diese b stolpern, welches nur am Wortende verstummt, aber innerhalb von Wörtern im Englischen nach wie vor ausgesprochen wird.

Um den Sprachwitz in der vom b befreiten Schreibung stärker im Volksgeist zu verankern lässt der Präsident in seiner humorvollen Art laut Dale nun anscheinend keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, das ohnehin kaum jemand in den Vereinigsten Staaten weiß, dass dumb mit einem b am Ende geschrieben wird. Denn wenn dumb jetzt von den Menschen ohnehin in den meisten Fällen als dum geschrieben wird, dann wird auch der Witz über die Dummokraten viel lustiger und kann auf Social Media so richtig durchstarten.

McWhorter weist nur richtig darauf hin, dass den meisten Menschen, die Englisch als erste Sprache gelernt haben, sehr wohl klar ist, dass dumb mit einem b am Ende geschrieben wird, auch wenn sie es nicht aussprechen. Während das b im Wort dumb jedoch durch Sprachwandel am Wortende verschwunden ist, war die Schreibung mit b nach einem m in einsilbigen Wörtern eine gewisse Zeit lang wohl so beliebt, dass das irgendwann verstummte b dann auch anderen Wörtern hinzugefügt wurde, die dieses zuvor gar nicht aufgewiesen hatten. Als Beispiele für diesen Fall von Analogie (List 2019a) in der Schreibung nennt McWhorter Wörter wie thumb “Daumen”, numb “taub (im taktilen Sinne)” und limb “Gliedmaßen”. Für mich war diese Ausführung sehr lehrreich, da ich feststellen musste, dass ich die stummen b-Laute in diesen Wörtern eigentlich immer mit ausgesprochen hatte. Als jemand, der Englisch erst später gelernt hat, weiß ich also nicht nur, dass man dumb mit b am Ende schreibt, ich habe es – zumindest bisher – sogar immer sehr selbstbewusst auch als solches ausgesprochen.

Ob ein Wort, das auf mb im Englischen endet nun ein ursprüngliches aber später verstummtes b aufweist, oder ein ursprünglich nicht vorhandenes, aber später analog hinzugefügtes, kann man, das habe ich auch gelernt, also gar nicht so einfach sagen. Da die b-Laute nach m auch im Deutschen alle verschwunden sind, hilft einem die Kenntnis des modernen Deutschen leider auch wenig. Man muss schon bis ins Althochdeutsche zurückgehen können. Dann kann man zum Beispiel feststellen, dass auch der Kamm – im Englischen comb – einmal auf b auslautete, wie man an Althochdeutsch camb sehen kann.

Was mich an diesen stummen und verstummten b-Lauten am meisten fasziniert hat, ist die Bedeutung, die jemand, der sonst doch so herzlich wenig auf Einzelheiten achtet, den etymologischen Details eines im Großen und Ganzen recht dummen Wortspiels beimessen kann. Klar, wir Menschen nutzen alle irgendwelche Formen von etymologischen Strategien beim Lesen, aber es macht uns auch gar nicht aus, diese bewusst auszuschalten und zu ignorieren. Die Etymologie dominiert unser Sprachhandeln wirklich selten vollständig.

Das ist mir vor allem beim Wort numb, welches McWhorter als Beispiel für die historisch falsche Analogie aufzählt, aufgefallen. Denn ich gehe jetzt mal davon aus, dass kaum jemand bei numb an number denken wird, obwohl sich hier auch ein b in ein Wort eingeschlichen hat, welches dort eigentlich nichts zu suchen hat. Das sieht man ja schon bei der deutschen Entsprechung Nummer. Die number hat im Englischen mit numb aber wirklich gar nichts zu tun. Denn sie wurde aus dem Französischen nombre entlehnt. Hier wiederum ist das b niemals stumm gewesen, sondern als epenthetischer Laut zwischen m und r eingführt worden, wie es sich in vielen anderen Sprachen auch beobachten lässt (List 2019b). Da die Bedeutung von numb und number so weit voneinander entfernt ist, wird keiner auf die Idee kommen, eine Verbindung zwischen den beiden Wörtern zu suchen. Wir sehen die scheinbaren oder tatsächlichen etymologischen Verbindungen immer nur da, wo sie für uns einen Sinn zu machen scheinen. Dass der Sinn in den dumocrats so schwer zu finden ist, spricht am Ende eigentlich um so mehr für die allgemeine Sinnlosigkeit dieses präsidentialen Wortspiels.

Literatur

Dale, Daniel. 2026. “Trump’s ‘dumb’ story makes no sense.”CNN Politics 2026 (06/09). https://edition.cnn.com/2026/09/06/politics/trump-dumb-dumocrat-story-nickname.

List, Johann-Mattis. 2019a. “Morgende und gelber Brei: Analogie und Kontamination im Sprachwandel.”Von Wörtern Und Bäumen 3 (7). https://doi.org/10.58079/vbqb.

List, Johann-Mattis. 2019b. “Wissentschaft und Abenbrot: Einschübe und Aussetzer im Sprachwandel.”Von Wörtern Und Bäumen 3 (6). https://doi.org/10.58079/vbqa.

McWhorter, John. 2026. “Who says reading is dead?”New York Times 2026 (10/09). https://www.nytimes.com/2026/09/10/opinion/closed-captions-streaming.html.

Johann-Mattis List
Johann-Mattis List
Seit Anfang 2023 leite ich den Lehrstuhl für Multilinguale Computerlinguistik in Passau. In meiner Forschung nehme ich generell einen datenbasierten,… Weiterlesen

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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Johann-Mattis List (11. September 2026). Von dummen Kämmen. Von Wörtern und Bäumen. Abgerufen am 5. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16rhu


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