privacy

Von privaten Sphären

Lange Zeit war das, was man Menschen im Vertrauen berichtete, etwas, das mit relativ großer Wahrscheinlichkeit vertraulich bleiben würde. Klar, Vertrauen konnte missbraucht, Dinge weitergesagt werden, Gerüchte konnten so entstehen, die dann ein Eigenleben entwickelten und mitunter schwer einzufangen waren. Aber da Gerüchte im Zweifelsfall auch einfach vehement bestritten werden können, konnte man sich doch immer darauf verlassen, dass das, was man einer anderen Person mitteilt, relativ schwer nach außen dringt.

Eine erste Ausnahme in diesem Zusammenhang stellten die Emails und später die Chatnachrichten dar, die ja viel schneller geschrieben werden, aber sich dummerweise nicht so ephemerisch verhalten, wie gesprochene Sprache. Sie bleiben ja digital erhalten, in den meisten Fällen, man kann sie kopieren, vervielfältigen, und weiterleiten. Dennoch behandeln wir Email- und Chatnachrichten als etwas Vertrauliches. Es kommt eben einfach viel zu selten vor, dass jemand, dem ich persönliche Ansichten oder vertrauliche Gedanken schicke, diese einfach so nach draußen ausposaunt. Wenn man jemandem nicht explizit schaden möchte, dann lässt man die Emails oder Textnachrichten, die man von dieser Person bekommen hat, da, wo sie sind, im scheinbar vertrauten, scheinbar privaten digitalen Raum.

Diese minimale Privatsphäre, die uns unser Kommunikationsverhalten lange Zeit geboten hat, wird nun von einer für mich gänzlich unerwarteten Seite aufgerissen. Dabei geht es gar nicht prinzipiell um einen aktiven Vertrauensbruch meiner Kommunikationspartner, der als solcher bewusst gewollt gewesen wäre. Es geht darum, dass mehr und mehr Menschen begonnen haben, ihr Innerstes, ihre Emails, ihre Chatnachrichten, auch ihre Ansichten, digital nach Außen zu kehren, ohne sich darüber wirklich im Klaren zu sein. Es geht um Menschen, die Chatbots Zugriff auf ihre Daten erlauben.

Denn wenn ich mit einem Chatbot mein Leben oder meine beruflichen Angelegenheiten durchspreche und dabei Namen nenne, wenn ich den Maschinen mitunter Zugriff auf mein Emailkonto oder meine Chatkonten erteile, damit sie mir “helfen”, mein Leben im Digitalen zu bewältigen, dann gebe ich einer Instanz außerhalb meiner selbst Zugriff auf mein Innerstes. Aber da mein Innerstes ja aufgrund des Pakts der Vertraulichkeit, der im Digitalen jahrzehntelang gehalten hat, auch Einblicke in das Innerste anderer Menschen erlaubt, öffne ich, wenn ich Chatbots erlaube, meine Emails zu lesen und mitunter sogar zu beantworten, den Maschinen Zugang in Teile der Privatsphäre anderer Menschen.

Das heißt, dass meine eigene Privatsphäre – die ich von Chatbots fernhalte, so gut es nur geht – ohne mein Zutun von Chatbots aufgesaugt werden kann, nämlich dann, wenn andere ihre Privatsphäre, inklusive dessen, was ich ihnen privat und vertraulich geschrieben habe, gedankenlos mit diesen Chatbots teilen. Wir können hier sehen, wer einen Dritten in seinen Kopf lässt, oder an sein Emailpostfach, der öffnet eben diesem Dritten auch die Tür zu dem, was andere ihnen offenbart haben.

Leider scheint den meisten Powernutzern von Chatbots gar nicht klar zu sein, was sie tun, wenn sie Chatbots vollständigen Zugriff auf ihre Daten geben. Ich war verblüfft von der Naivität, die der Fall von Bucher (2026) offenbarte, der berichtete, die Arbeit von zwei Jahren verloren zu haben, als er versehentlich eine Einstellung bei Chat-GPT änderte, die dazu führte, dass die Kopiermaschine keinen Zugriff auf seine Daten mehr hatte, die anscheinend nahezu alles, was er gedanklich produzierte eingeschlossen hatten, was von Aufgaben für Studierende bis hin zu Forschungsanträgen reichte. Während ich mich einerseits köstlich amüsiert habe, wie Buchers Naivität von Collier (n.d.) aufs Korn genommen wurde, wurde mir erst später klar, dass diese Öffnung der privaten Datensphäre ja eben nicht nur Konsequenzen für einen selbst hat, sondern auch für alle die, die in dieser Datensphäre vorkommen.

Ich bekomme sehr häufig Nachrichten zugesandt, die explizit als “vertraulich” bezeichnet werden. Da geht es um Forschungsanträge, die nur ich lesen soll, da ich eingeladen wurde, sie zu begutachten. Es geht um Informationen zu Finanzen unseres Lehrstuhls, um interne Angelegenheiten unserer Universität, und manchmal geht es auch einfach darum, dass ich jemand bei mir über jemand anderen beschwert. Ich kann es nach wie vor nicht verstehen, wie man einem Chatbot-Programm, dessen Daten irgendwo weit weg gehostet und von einem skrupellosen Tech-Konzern verwaltet werden, einfach so zukommen lassen kann. Zwar wird von den Konzernen meist zugestanden, die Daten nicht fürs Training zu benutzen, und eine bestimmte Privatheit zu garantieren. Aber was nicht beachtet wird, ist, das sogar wenn diese Versprechen wahr wären, ich selbst meine Zustimmung ja niemals erteilt hatte, dass Menschen, denen ich Emails schreibe, diese an ihre Zweitgehirne auslagern dürfen.

Es kommt immer häufiger vor, dass mir Emails geschrieben werden, bei denen ich merke, dass etwas faul ist. Da schreibt jemand plötzlich viel mehr als sonst (was nicht heißen muss, dass die Inhalte tiefer werden), oder es mischt sich das typische Chatbot-Blabla ein, das man immer besser zu erkennen lernt. In diesen Situationen denke ich einerseits gern an das wunderschöne Zitat von Marina Weisband, die sich fragt, warum sie sich “die Mühe machen [sollte], einen Text zu lesen, von dem sich niemand die Mühe gemacht hat, ihn zu schreiben” (Weisband 2026). Andererseits frage ich mich jetzt immer auch vermehrt, ob ich überhaupt noch mit diesen Menschen kommunizieren soll. Denn ich will nicht, dass man das, was ich in dieser privaten Sphäre der Emailkommunikation äußere, ohne Nachfrage und Reflektion mit Dritten geteilt wird. Ich hab keine Lust, dass das, was ich sprachlich und gedanklich produziere, zum Training von Chatbots verwendet wird, und es diesen womöglich noch erlaubt, ein spezifisches Profil von mir zu entwickeln, das so niemanden außer mir selbst etwas angeht.

Der Fall des Mathematikers Tristan Buckmaster, der an den Navier-Stokes-Gleichungen forschte, bevor OpenAI verkündete, diese mit Hilfe einer KI gelöst zu haben, zeigt hier auf interessante Weise, was passieren kann, wenn man Informationen mit Chatbots teilt. Wie Chang (2026) berichtet, hatte Buckmaster neue Ansätze zur Lösung des Problems entwickelt, dem er einen Großteil seiner Laufbahn als Forscher gewidmet hatte. Da er jedoch KI-Tools der Firmen OpenAI und Anthropic in seiner Arbeit verwendete, vermutete er, als OpenAI die Lösung verkündete, dass seine Ideen – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in die Lösung miteingeflossen waren, ohne dass er sie vorher veröffentlich hatte (ibid.).

Es passt, dass die Deklaration zu Mathematik und KI, die von führenden Mathematikern unterschrieben wurde, im Zusammenhang mit von Sprachmodellen erzeugten Beweisen explizit von Plagiaten spricht (Avila et al. 2026). Da prinzipiell alles, was mit Chatbots geteilt wird, auch in das Training der Sprachmodelle fließen kann, da die Daten ja immer digital übertragen und auch als solche gespeichert werden, reicht es nicht, wenn OpenAI oder Anthropic versichern, die Daten nicht anzurühren. Der Verdacht wird immer mitschwingen, dass das, was wir im Digitalen produzieren, irgendwann bei diesen Maschinen landet, egal, ob direkt, weil auch Wissenschaftler leider gern ihr Gehirn ausschalten und ihr Leben mit Chatbots teilen, oder indirekt, weil Wissenschaftler ihre Daten vertraulich mit Menschen geteilt haben, die das Vertrauen missbrauchen und Chatprogrammen Zugriff auf die Daten geben.

Es wird ja viel darüber geredet, dass KI reguliert werden müsste, dass die Wissenschaft neue Wege finden muss, um zu bewerten, wie generierte Texte in wissenschaftlichen Arbeiten bewertet werden sollen. Auch die Privatsphäre spielt ja scheinbar in vielen Debatten insbesondere in Deutschland immer wieder eine wichtige Rolle. Wenn es aber möglich ist, dass Teile meiner Privatsphäre an Großkonzerne geliefert werden, weil Menschen, die ihr digitales Leben nahezu vollständig entkleiden, meine Daten gleich mitliefern, dann muss die Idee von Privatheit im digitalen Raum vollkommen neu überdacht werden.

Literatur

Avila, Artur, Manjul Bhargava, Caucher Birkar, et al. 2026. “A severe misalignment of AI in mathematics.” Online Declaration. https://mathandai.org/.

Bucher, Marcel. 2026. “When two years of academic work vanished with a single click.” Nature Career Column 2026 (22/01). https://doi.org/10.1038/d41586-025-04064-7.

Chang, Kenneth. 2026. “An N.Y.U. mathematician clashed with OpenAI over a $1 million proof.” New York Times 2026 (10/09). https://www.nytimes.com/2026/09/10/science/tristan-buckmaster-openai-math-navier-stokes.html.

Collier, Angela. n.d. “A cautionary tale. This is what ChatGPT does to your brain.” Video; YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=7pqF90rstZQ.

Weisband, Marina. 2026. “Strom, Wasser, Macht: Können wir uns dem KI-Wettrennen entziehen?” Podcast; Steady Page. https://steady.page/de/wind-und-wurzeln/posts/27156547-a0ac-4955-b5fc-a0f65ac9a208.

kamm

Von dummen Kämmen

Mit großem Interesse habe ich einen Artikel von John McWhorter gelesen, der sich ganz am Rande mit der Geschichte des Wortes dumb im Englischen beschäftigt (McWhorter 2026). Dieses Wort selbst hat ja seine Entsprechung im deutschen Wort tumb, welches jedoch inzwischen fast vollständig von dem jüngeren und wahrscheinlich entlehnten Wort dumm ersetzt wurde. Wie so viele Wörter im Englischen hat auch das Wort dumb eine Aussprache, die der Schreibung nur in Teilen entspricht. Das b am Wortende ist nämlich stumm, es wird nicht ausgesprochen, weshalb das Wort dumb seiner teilverwandten Form dumm im Deutschen in der Aussprache recht ähnlich ist, wenn auch der Vokal ohne Lippenrundung produziert wird.

Den Anlass, sich mit dem Wort dumb auseinanderzusetzen, bietet jemand, dessen Namen auch auf einen bilabialen Plosiv endet, nämlich Donald Trump, der, wie Dale (2026) erklärt, sich in den letzten Monaten stark bemüht hat, den Vokal e im Wort democrat durch ein u zu ersetzen, um dadurch ein mäßig lustiges Wortspiel zu erzeugen, das im Deutschen wohl genauso gut funktionieren würde. Da sich in Deutschland aber alle Parteien, auch die latent undemokratisch gesinnten, als Demokraten ansehen, und keine Partei sich “die Demokraten” nennt, hat das Wort Dummokraten wohl schlechtere Chancen, sich im Deutschen durchzusetzen.

Das Problem der dumocrats des Präsidenten der Vereinigten Staaten besteht nun aber darin, dass es einen ästhetischen Makel aufweist. Das Schriftgefühl will das Wort als solches ungern akzeptieren, da die etymologische Verbindung zu dumb durch das fehlende b am Ende so schwer zu erkennen ist. Wenn man aber dumbokrats schreiben würde, dann würden die Geister der Social Media nutzenden Bevölkerung über eben diese b stolpern, welches nur am Wortende verstummt, aber innerhalb von Wörtern im Englischen nach wie vor ausgesprochen wird.

Um den Sprachwitz in der vom b befreiten Schreibung stärker im Volksgeist zu verankern lässt der Präsident in seiner humorvollen Art laut Dale nun anscheinend keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, das ohnehin kaum jemand in den Vereinigsten Staaten weiß, dass dumb mit einem b am Ende geschrieben wird. Denn wenn dumb jetzt von den Menschen ohnehin in den meisten Fällen als dum geschrieben wird, dann wird auch der Witz über die Dummokraten viel lustiger und kann auf Social Media so richtig durchstarten.

McWhorter weist nur richtig darauf hin, dass den meisten Menschen, die Englisch als erste Sprache gelernt haben, sehr wohl klar ist, dass dumb mit einem b am Ende geschrieben wird, auch wenn sie es nicht aussprechen. Während das b im Wort dumb jedoch durch Sprachwandel am Wortende verschwunden ist, war die Schreibung mit b nach einem m in einsilbigen Wörtern eine gewisse Zeit lang wohl so beliebt, dass das irgendwann verstummte b dann auch anderen Wörtern hinzugefügt wurde, die dieses zuvor gar nicht aufgewiesen hatten. Als Beispiele für diesen Fall von Analogie (List 2019a) in der Schreibung nennt McWhorter Wörter wie thumb “Daumen”, numb “taub (im taktilen Sinne)” und limb “Gliedmaßen”. Für mich war diese Ausführung sehr lehrreich, da ich feststellen musste, dass ich die stummen b-Laute in diesen Wörtern eigentlich immer mit ausgesprochen hatte. Als jemand, der Englisch erst später gelernt hat, weiß ich also nicht nur, dass man dumb mit b am Ende schreibt, ich habe es – zumindest bisher – sogar immer sehr selbstbewusst auch als solches ausgesprochen.

Ob ein Wort, das auf mb im Englischen endet nun ein ursprüngliches aber später verstummtes b aufweist, oder ein ursprünglich nicht vorhandenes, aber später analog hinzugefügtes, kann man, das habe ich auch gelernt, also gar nicht so einfach sagen. Da die b-Laute nach m auch im Deutschen alle verschwunden sind, hilft einem die Kenntnis des modernen Deutschen leider auch wenig. Man muss schon bis ins Althochdeutsche zurückgehen können. Dann kann man zum Beispiel feststellen, dass auch der Kamm – im Englischen comb – einmal auf b auslautete, wie man an Althochdeutsch camb sehen kann.

Was mich an diesen stummen und verstummten b-Lauten am meisten fasziniert hat, ist die Bedeutung, die jemand, der sonst doch so herzlich wenig auf Einzelheiten achtet, den etymologischen Details eines im Großen und Ganzen recht dummen Wortspiels beimessen kann. Klar, wir Menschen nutzen alle irgendwelche Formen von etymologischen Strategien beim Lesen, aber es macht uns auch gar nicht aus, diese bewusst auszuschalten und zu ignorieren. Die Etymologie dominiert unser Sprachhandeln wirklich selten vollständig.

Das ist mir vor allem beim Wort numb, welches McWhorter als Beispiel für die historisch falsche Analogie aufzählt, aufgefallen. Denn ich gehe jetzt mal davon aus, dass kaum jemand bei numb an number denken wird, obwohl sich hier auch ein b in ein Wort eingeschlichen hat, welches dort eigentlich nichts zu suchen hat. Das sieht man ja schon bei der deutschen Entsprechung Nummer. Die number hat im Englischen mit numb aber wirklich gar nichts zu tun. Denn sie wurde aus dem Französischen nombre entlehnt. Hier wiederum ist das b niemals stumm gewesen, sondern als epenthetischer Laut zwischen m und r eingführt worden, wie es sich in vielen anderen Sprachen auch beobachten lässt (List 2019b). Da die Bedeutung von numb und number so weit voneinander entfernt ist, wird keiner auf die Idee kommen, eine Verbindung zwischen den beiden Wörtern zu suchen. Wir sehen die scheinbaren oder tatsächlichen etymologischen Verbindungen immer nur da, wo sie für uns einen Sinn zu machen scheinen. Dass der Sinn in den dumocrats so schwer zu finden ist, spricht am Ende eigentlich um so mehr für die allgemeine Sinnlosigkeit dieses präsidentialen Wortspiels.

Literatur

Dale, Daniel. 2026. “Trump’s ‘dumb’ story makes no sense.”CNN Politics 2026 (06/09). https://edition.cnn.com/2026/09/06/politics/trump-dumb-dumocrat-story-nickname.

List, Johann-Mattis. 2019a. “Morgende und gelber Brei: Analogie und Kontamination im Sprachwandel.”Von Wörtern Und Bäumen 3 (7). https://doi.org/10.58079/vbqb.

List, Johann-Mattis. 2019b. “Wissentschaft und Abenbrot: Einschübe und Aussetzer im Sprachwandel.”Von Wörtern Und Bäumen 3 (6). https://doi.org/10.58079/vbqa.

McWhorter, John. 2026. “Who says reading is dead?”New York Times 2026 (10/09). https://www.nytimes.com/2026/09/10/opinion/closed-captions-streaming.html.

eingabe

Vom Ablehnen

Ich habe heute ein wirklich originelles Gutachten für einen wissenschaftlichen Artikel geschrieben. Ich glaube, es ist das originellste Gutachten, das ich je geschrieben habe. Wenn das aber mit dem Anspruch, die die modernen Zeitschriftenorganisationssysteme so mit sich bringen, wird es sicher auch nicht das Letzte dieser Art gewesen sein. Das Gutachten lautete (frei ins Deutsche übersetzt):

Entschuldigung, ich wollte das Gutachten eigentlich gar nicht schreiben, da ich mich mit dem Thema nicht auskenne, aber ich habe aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt. Jetzt lässt mir Ihr System leider keine Wahl, diese Entscheidung rückgängig zu machen, und da ich weiß, dass Sie auf meine Emails ohnehin nicht antworten werden, muss ich leider jetzt diese Textfeld, das eigentlich für das Gutachten gedacht ist, nutzen, um Ihnen durch dieses Scheingutachten mitzuteilen, dass ich das Gutachten nicht verfassen kann.

Das Problem, auf das ich hier versucht hatte, zu reagieren, besteht in den automatisierten Systemen der wissenschaftlichen Zeitschriften, die Menschen einladen, Gutachten zu verfassen. Diese sind meist vollkommen automatisiert. Von Seite der Herausgeber wird nur die Email der Person eingegeben, die ein Gutachten für ein bestimmtes Manuskript verfassen soll. Dann wird diese Person in regelmäßigen Abständen mit Emails bedacht, die sie auffordern, das Gutachten zu verfassen.

Meist sind die Fristen, die dabei gesetzt werden, lächerlich kurz. Der Standard bei Verlagshäusern wie Springer-Nature liegt bei zwei Wochen. Wenn man nicht auf die Email antwortet, wird man so lange weiter alle paar Tage eine Erinnerung bekommen, bis man entweder abgesagt oder zugesagt hat, oder bis genug Menschen gefunden wurden, die bereit sind, ein Gutachten zu verfassen. Dann kann von Herausgeberseite die Einladung zurückgezogen werden, und man bekommt entweder eine Absage, oder einfach keine Emails mehr.

Wenn man jetzt, wie ich, entweder aus Versehen den falschen Knopf drückt, oder (wie ich in einem anderen Fall) beim Lesen des vollen Textes merkt, dass man schlicht nichts sagen kann zu dem Thema, dann gibt es keine Möglichkeit, das Gutachten wieder abzulehnen. Das ist im System einfach nicht vorgesehen worden. Man kommt aus der Angelegenheit also einfach nicht mehr raus, ohne etwas außerhalb des gegebenen Systems zu tun, oder dem System zu gehorchen. Beim ersten Mal habe ich noch versucht, eine Email an die Zeitschrift zu schreiben. Es hat aber keiner reagiert. Als es mir mit dem falschen Knopf dann wieder passierte, hab ich mich für die neue Variante entschieden.

Das Gemeine an diesen Systemen ist ja, dass Nicht-Reagieren eben auch nicht hilft. Denn dann bekommt man diese unpersönlichen, bürokratisch fordernden Emails alle paar Tage zugeschickt, was sich zusammen mit normalen Spams und den Spams von Paper Mills und Predatory Publishers (List 2021) schon zu einer beachtlichen Anzahl an Nachrichten mausern kann, die einem die Inbox verstopfen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, wichtige Nachrichten zu ignorieren.

Vor allem, wenn man Dinge wie Gutachten generell gewissenhaft angeht (und ich denke, dass ich das tue), dann können diese ständigen Erinnerungsemails schon einen ordentlichen Druck aufbauen. Ich gehe davon aus, dass viele Kolleginnen und Kollegen eine Vielzahl der Emails dieser Art einfach ignorieren, wenn sie sie bekommen. Mir selbst fällt es aber wirklich schwer, Dinge unbeantwortet zu lassen. Das gehört sich eben einfach nicht. “Das macht man nicht”, um die Worte meiner Oma zu bemühen. Ich finde es selbst schon immer so störend, wie Menschen sich im beruflichen Kontext problemlos ghosten (List 2024), dass ich keine Lust habe, da mitzumachen, auch wenn meine Wut über die Verlage durch diese ständigen Erinnerungsmails immer mehr zunimmt.

Auch wenn es natürlich nicht die feine Art ist, statt eines Gutachtens eine Absage zu liefern, so sehe ich im Moment keine andere Möglichkeit, auf das Problem aufmerksam zu machen, welches die Verlage mit ihrer schrecklichen Publikations- und Begutachtungspolitik zu verantworten haben. Es ist nur zu verständlich, dass keiner mehr Gutachen schreiben möchte, wenn man sich anschaut, wie die Verlage ihre Autoren in der Wissenschaft behandeln. Gutachten pauschal zu verweigern ist jedoch leider auch keine Lösung. Wir sind ja schließlich alle darauf angewiesen, dass jemand unsere eigenen Texte liest und begutachtet.

Ich verfasse daher weiter fleißig meine Gutachten (in diesem Jahr waren es schon insgesamt 40, ohne die abgelehnten mitzuzählen) und werde das auch weiterhin tun. Aber ich habe mir jetzt vorgenommen, die Zeitschriften und deren Herausgeber in Zukunft ein bisschen mehr in die Pflicht zu nehmen. Wenn mir Artikel ohne Code und Daten geliefert werden, dann werde ich nicht mehr freundlich die Autorinnen oder Autoren daran erinnern, mir diese nachzuliefern, sondern stattdessen einfach den Artikel ablehnen und das Gutachten durch eine freundliche Nachricht an die Herausgeber ersetzen, die diese darauf hinweist, dass es ihre Pflicht ist, Einreichungen auf Vollständigkeit zu prüfen, und nicht meine.

Wenn man nur noch Aufmerksamkeit erzeugen kann, indem man das System sprengt, dann sei es eben so. Ich habe ja jetzt immerhin eine Vorlage, die ich auch in Zukunft immer dann verwenden kann, wenn ich mal wieder aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt habe. Die muss dann nur noch um eine Vorlage ergänzt werden, die ich nutzen kann, wenn wieder mal ein nicht reproduzierbarer Artikel auf meinem Gutachtertisch landet. Mal sehen, welche weiteren Vorlagen die nächsten Jahre ergeben werden. Die Themen, wo man wissenschaftlich Mist bauen kann, werden in Zeiten von KI und Depp-Bots ja nicht weniger.

Literatur

List, Johann-Mattis. 2021. “Von Beutegreiferverlagen und Papierfabriken.” Von Wörtern Und Bäumen 5 (6). https://wub.hypotheses.org/1312.

———. 2024. “Von Geistern verlassen.” Von Wörtern Und Bäumen 8 (11). https://doi.org/10.58079/12p9y.