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eingabe

Vom Ablehnen

Ich habe heute ein wirklich originelles Gutachten für einen wissenschaftlichen Artikel geschrieben. Ich glaube, es ist das originellste Gutachten, das ich je geschrieben habe. Wenn das aber mit dem Anspruch, die die modernen Zeitschriftenorganisationssysteme so mit sich bringen, wird es sicher auch nicht das Letzte dieser Art gewesen sein. Das Gutachten lautete (frei ins Deutsche übersetzt):

Entschuldigung, ich wollte das Gutachten eigentlich gar nicht schreiben, da ich mich mit dem Thema nicht auskenne, aber ich habe aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt. Jetzt lässt mir Ihr System leider keine Wahl, diese Entscheidung rückgängig zu machen, und da ich weiß, dass Sie auf meine Emails ohnehin nicht antworten werden, muss ich leider jetzt diese Textfeld, das eigentlich für das Gutachten gedacht ist, nutzen, um Ihnen durch dieses Scheingutachten mitzuteilen, dass ich das Gutachten nicht verfassen kann.

Das Problem, auf das ich hier versucht hatte, zu reagieren, besteht in den automatisierten Systemen der wissenschaftlichen Zeitschriften, die Menschen einladen, Gutachten zu verfassen. Diese sind meist vollkommen automatisiert. Von Seite der Herausgeber wird nur die Email der Person eingegeben, die ein Gutachten für ein bestimmtes Manuskript verfassen soll. Dann wird diese Person in regelmäßigen Abständen mit Emails bedacht, die sie auffordern, das Gutachten zu verfassen.

Meist sind die Fristen, die dabei gesetzt werden, lächerlich kurz. Der Standard bei Verlagshäusern wie Springer-Nature liegt bei zwei Wochen. Wenn man nicht auf die Email antwortet, wird man so lange weiter alle paar Tage eine Erinnerung bekommen, bis man entweder abgesagt oder zugesagt hat, oder bis genug Menschen gefunden wurden, die bereit sind, ein Gutachten zu verfassen. Dann kann von Herausgeberseite die Einladung zurückgezogen werden, und man bekommt entweder eine Absage, oder einfach keine Emails mehr.

Wenn man jetzt, wie ich, entweder aus Versehen den falschen Knopf drückt, oder (wie ich in einem anderen Fall) beim Lesen des vollen Textes merkt, dass man schlicht nichts sagen kann zu dem Thema, dann gibt es keine Möglichkeit, das Gutachten wieder abzulehnen. Das ist im System einfach nicht vorgesehen worden. Man kommt aus der Angelegenheit also einfach nicht mehr raus, ohne etwas außerhalb des gegebenen Systems zu tun, oder dem System zu gehorchen. Beim ersten Mal habe ich noch versucht, eine Email an die Zeitschrift zu schreiben. Es hat aber keiner reagiert. Als es mir mit dem falschen Knopf dann wieder passierte, hab ich mich für die neue Variante entschieden.

Das Gemeine an diesen Systemen ist ja, dass Nicht-Reagieren eben auch nicht hilft. Denn dann bekommt man diese unpersönlichen, bürokratisch fordernden Emails alle paar Tage zugeschickt, was sich zusammen mit normalen Spams und den Spams von Paper Mills und Predatory Publishers (List 2021) schon zu einer beachtlichen Anzahl an Nachrichten mausern kann, die einem die Inbox verstopfen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, wichtige Nachrichten zu ignorieren.

Vor allem, wenn man Dinge wie Gutachten generell gewissenhaft angeht (und ich denke, dass ich das tue), dann können diese ständigen Erinnerungsemails schon einen ordentlichen Druck aufbauen. Ich gehe davon aus, dass viele Kolleginnen und Kollegen eine Vielzahl der Emails dieser Art einfach ignorieren, wenn sie sie bekommen. Mir selbst fällt es aber wirklich schwer, Dinge unbeantwortet zu lassen. Das gehört sich eben einfach nicht. “Das macht man nicht”, um die Worte meiner Oma zu bemühen. Ich finde es selbst schon immer so störend, wie Menschen sich im beruflichen Kontext problemlos ghosten (List 2024), dass ich keine Lust habe, da mitzumachen, auch wenn meine Wut über die Verlage durch diese ständigen Erinnerungsmails immer mehr zunimmt.

Auch wenn es natürlich nicht die feine Art ist, statt eines Gutachtens eine Absage zu liefern, so sehe ich im Moment keine andere Möglichkeit, auf das Problem aufmerksam zu machen, welches die Verlage mit ihrer schrecklichen Publikations- und Begutachtungspolitik zu verantworten haben. Es ist nur zu verständlich, dass keiner mehr Gutachen schreiben möchte, wenn man sich anschaut, wie die Verlage ihre Autoren in der Wissenschaft behandeln. Gutachten pauschal zu verweigern ist jedoch leider auch keine Lösung. Wir sind ja schließlich alle darauf angewiesen, dass jemand unsere eigenen Texte liest und begutachtet.

Ich verfasse daher weiter fleißig meine Gutachten (in diesem Jahr waren es schon insgesamt 40, ohne die abgelehnten mitzuzählen) und werde das auch weiterhin tun. Aber ich habe mir jetzt vorgenommen, die Zeitschriften und deren Herausgeber in Zukunft ein bisschen mehr in die Pflicht zu nehmen. Wenn mir Artikel ohne Code und Daten geliefert werden, dann werde ich nicht mehr freundlich die Autorinnen oder Autoren daran erinnern, mir diese nachzuliefern, sondern stattdessen einfach den Artikel ablehnen und das Gutachten durch eine freundliche Nachricht an die Herausgeber ersetzen, die diese darauf hinweist, dass es ihre Pflicht ist, Einreichungen auf Vollständigkeit zu prüfen, und nicht meine.

Wenn man nur noch Aufmerksamkeit erzeugen kann, indem man das System sprengt, dann sei es eben so. Ich habe ja jetzt immerhin eine Vorlage, die ich auch in Zukunft immer dann verwenden kann, wenn ich mal wieder aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt habe. Die muss dann nur noch um eine Vorlage ergänzt werden, die ich nutzen kann, wenn wieder mal ein nicht reproduzierbarer Artikel auf meinem Gutachtertisch landet. Mal sehen, welche weiteren Vorlagen die nächsten Jahre ergeben werden. Die Themen, wo man wissenschaftlich Mist bauen kann, werden in Zeiten von KI und Depp-Bots ja nicht weniger.

Literatur

List, Johann-Mattis. 2021. “Von Beutegreiferverlagen und Papierfabriken.” Von Wörtern Und Bäumen 5 (6). https://wub.hypotheses.org/1312.

———. 2024. “Von Geistern verlassen.” Von Wörtern Und Bäumen 8 (11). https://doi.org/10.58079/12p9y.

… und Wahnsinn

Die Wissenschaft ist berühmt für das Zelebrieren des unorthodoxen, zügellosen und ungehemmten Denkens, welches so eckig und kantig und klobig ist, dass es in keine normale Schublade passt. Das Genie kommt im Gewand des Wahnsinns daher und schert sich nicht um Konventionen. Wer neu denken will, muss frei denken, und wer frei denken will, der muss sich auch dann von Konventionen lossagen, wenn das Denken gar nicht im Mittelpunkt steht.

Leider wird dieses Bild des Wissenschaftlers als verschrobene Person, die Konventionen missachten muss um Spitzenleistungen im Denken zu vollbringen, immer noch viel zu sehr von Öffentlichkeit und Wissenschaft selbst gepflegt. Ich kann Franny in Salinger’s Roman Franny und Zooey gut verstehen, wenn sie sich über ihren Professor aufregt, den sie im Verdacht hat, sich die weißen Haare absichtlich zu zerzausen, um den Eindruck eines unermüdlichen Denkers zu unterstreichen.

[…] he’s just a terribly sad old self-satisfied phony with wild and woolly white hair. I think he goes into the men’s room and musses it up before he comes to class – I honestly do. (Salinger 1961, 126)

Die sozialen Medien haben sogar zu einer Verstärkung des Genieglaubens beigetragen, indem sie es möglich machen, öffentliche Forschung von privaten Marotten flankieren zu lassen. So sind wir nicht mehr länger darauf angewiesen, über Wissenschaftler zu lesen, wie sich diese privat verhalten, wir können nun in vielen Fällen direkt von ihnen selbst erfahren, was sie Komisches essen, zu welchen Unzeiten sie schlafen, oder wie sie in ihrem Genie Artikel kritisieren, ohne sie gelesen zu haben (was leider viel zu häufig vorkommt).

Die Folge ist ein Zerrbild wissenschaftlicher Forschung. Wissenschaft wird einerseits als Individualsport dargestellt, der von einzelnen Individuen angetrieben wird, die weitestgehend autonom agieren. Andererseits wird suggeriert, dass Wissenschaft in Schüben verläuft, in Form von Geistesblitzen, die sich zu bestimmten Zeiten entladen und der Menschheit neue Einblicke bescheren.

Beide Aspekte – die Rolle des Individuums und die Rolle des Geistesblitzes – entsprechen jedoch kaum der Praxis, mit der Menschen an Universitäten und Forschungsinstituten weltweit Forschung betreiben. Ganz im Gegenteil. Die Wissenschaft, die wir betreiben ist heutzutage eben gerade nicht individuell, sondern in den meisten Fällen kollaborativ, und sie beruht auch nicht auf dem Geistesblitz, der das Genie in der Badewanne heimsucht, sondern auf dem systematischen Ansammeln von Analysen und Informationen, sowie dem geduldigen Testen verschiedenster kleinster Ideen.

Das Bild vom wissenschaftlichen Genie, das von einem gelegentlichen Wahnsinn begleitet wird, stört mich nicht nur, weil es grundlegend falsch ist, es stört mich vor allem auch deshalb, weil es dazu führt, dass Forschung häufig mit problematischen Grundprämissen betrieben wird. Vor allem junge Forschende leiden darunter, wenn sie fälschlicherweise annehmen, dass von ihnen erwartet wird, innerhalb von vier Jahren Dissertation eine bahnbrechende neue Idee komplett eigenständig zu entwickeln. Dass wissenschaftliche Arbeit zum großen Teil auf Fleißarbeit beruht, auf dem akribischen Annotieren und Analysieren von Daten oder dem geduldigen Rezipieren von Texten, müssen viele erst mühsam lernen. Dass Wissenschaft eben nicht darin besteht, einsam vor sich hin zu wursteln, sondern in der Interaktion mit anderen Menschen neue Perspektiven zu gewinnen, die sich dann in gemeinsamen Arbeiten niederschlagen können, begreifen viele erst, wenn sie ihre erste kollaborative Publikation erfolgreich gemeistert haben, und sehen, wie viel ertragreicher und planbarer solche Ansätze sind. Die Wissenschaft fordert viel, aber was sie fordert, sind nicht kaum lesbar in Karton gekritzelte Geistesblitze, die die Nachwelt entschlüsseln muss, sondern transparent dokumentierte Arbeit, auf der andere nachhaltig aufbauen können.

Ich sehen in der Kombination aus Individualismus und Genievertrauen eine Mischung, die schon vielen talentierten Menschen die Karriere in der Wissenschaft verwehrt hat. Ich habe es oft erlebt, wie Menschen beharrlich kaum etwas publizieren und sich bis zum Auslaufen ihres Vertrages an die Hoffnung klammern, der eine Geistesblitz würde irgendwann schon noch kommen und ihnen ihre wissenschaftliche Zukunft sichern. Angetrieben von der Hoffnung, dass eine einzige Idee genügt, um in der Wissenschaft Karriere zu machen, verbauen sich viele Menschen ihre beruflichen Chancen systematisch, nur um schließlich voller Frust als vermeintlich verkannte Genies aus der Forschung auszusteigen.

Ich habe immer wieder mit Menschen zu tun, die diesen Irrweg gegangen sind und darunter leiden. Sie wenden sich mit vermeintlich genialen Ideen an mich und hoffen, dass ich es sei, der ihnen diese Genialität endlich attestieren werde. Mal wurde eine neue Sprachfamilie entdeckt, mal wurden alte Sprachen neu entziffert, mal wurden Muster in Daten gefunden, die kein Mensch zuvor gesehen hat, mal werden bahnbrechende neue Methoden etnwickelt, die das maschinelle Lernen revolutionieren können.

Der Umgang mit solchen Anfragen fällt mir nicht leicht. Ich lasse Emails ungern unbeantwortet. Ich mag es auch nicht, Ideen sofort als Spinnerei abzutun, wenn sie abstrus erscheinen. Wer weiß, vielleicht bin ich ja einfach zu dumm, sie zu verstehen. Daher reagiere ich meist höflich und schlage Wege vor, wie die Ideen traditionell geprüft werden könnten. Diese Wege bestehen im Verfassen traditioneller Artikel, die dann an Zeitschriften zur Begutachtung versandt werden. Das kommt leider nicht immer gut an, wohl, weil keine Zurückhaltung, sondern ungezügelte Begeisterung von mir erwartet wird. Warum sich Menschen gerade an mich richten, ist mir dabei auch nicht richtig klar. Ich denke, dass manch einer im Internet auf meine Arbeit stößt und dann zur falschen Auffassung kommt, dass ich – im Gegensatz zu all den anderen Kleingeistern da draußen – endlich verstehe, um was es geht, und die Genialität zu würdigen weiß.

Mir tun die Menschen leid, die diese Konflikte durchmachen müssen, und sich vielleicht bis zum Rest ihres Lebens als verkannte Genies fühlen. Ich kann mich selbst noch gut daran erinnern, wie nervös und verängstigt ich als junger Student war, der einerseits schon früh wusste, dass ihm Forschung gefällt, aber andererseits große Angst hatte, nicht in der Lage zu sein, geniale Ideen eigenständig zu entwickeln. Es hätte sicherlich geholfen, wenn man mir schon damals gesagt hätte, dass der Schlüssel zu guter Forschung eben gerade nicht darin liegt, alles daran zu setzen, den einen Weg zum Olymp zu finden.

Denn den einen Weg zur Lösung eines Problems gibt es meist ja auch gar nicht. Manchmal besteht die Leistung ja überhaupt erst darin, die Probleme als solche zu identifizieren (vgl. List 2024). Manchmal besteht sie darin, herauszufinden, was nicht funktioniert (vgl. Schooler 2011). Manchmal besteht sie – wie dies für meine Forschung vielleicht symptomatisch ist (vgl. List et al. 2022) – einfach darin, Daten so aufzubereiten, dass andere darin etwas entdecken können. Ganz egal, wie man nun forschen mag, es braucht dazu so gut wie nie wirkliches Genie, vom Wahnsinn ganz zu schweigen.

Literatur

List, Johann-Mattis. 2024. “Open problems in computational historical linguistics [Version 2; Peer Review: 5 Approved].”Open Research Europe 3 (201): 1–27. https://doi.org/10.12688/openreseurope.16804.2.

List, Johann-Mattis, Robert Forkel, Simon J. Greenhill, Christoph Rzymski, Johannes Englisch, and Russell D. Gray. 2022. “Lexibank, a public repository of standardized wordlists with computed phonological and lexical features.” Scientific Data 9 (316): 1–31. https://doi.org/10.1038/s41597-022-01432-0.

Salinger, Jerome D. 1961. Franny and Zooey. Boston: Little, Brown.

Schooler, Jonathan. 2011. “Unpublished results hide the decline effect.”Nature 470 (7335): 437. https://doi.org/10.1038/470437a.

wartung

Vom Warten

Vor Kurzem habe ich ein Interview mit Stewart Brand gelesen (Klein, 2026), in dem dieser unter anderem auch von seinem Buch Maintenance of Everything sprach, welches vor Kurzem erschienen ist (Brand, 2025). Das Buch befasst sich mit dem Warten, oder genauer gesagt, der Wartung von Dingen, die Brand als einen wichtigen Aspekt des Menschseins ansieht.

Maintenance, in this larger sense, has nothing optional about it. The necessity of maintenance doesn’t accumulate invisibly; it is understood as a given. When you take responsibility for something, you enter into a contract to take care of it. If it’s a child, to keep it fed. If it’s a knife, to keep it sharp (Brand, 2025, Kap. 1)

Auch wenn ich selbst nicht sehr gut darin bin, Dinge zu reparieren, bin ich doch ein Fan davon. Vor allem, wenn die Dinge, die kaputt gehen, mich schon lange begleitet haben, trenne ich mich nur ungern von ihnen, und versuche es meist, zu vermeiden, sie durch etwas Neues zu ersetzen. Das kann sich auf bequeme Kleidung beziehen, auf Taschen, Portmonnees, oder auch Computer. Erst vor Kurzem habe ich bei meinem Thinkpad X280, welchen ich im August 2018 gekauft habe, erst den Akku und dann die Tastatur ausgewechselt. Es hat mich erstaunt, dass dies auch so gut geklappt hat. Jetzt kann ich darauf hoffen, dass mich dieser kleine handliche und leichte Computer mir noch weitere Jahre zu Hause und auf Reisen die Treue hält.

Wenn es um das Reparieren oder Warten geht, ist es jedoch nicht nur wichtig, zu wissen, wie man etwas repariert, das kaputtgegangen ist. Man muss sich meist schon beim Erwerb der Dinge Gedanken machen, wie wartbar sie eigentlich sind, wie gut man sie reparieren und pflegen kann. Es hat mich zum Beispiel geschockt, dass ein Macbook nach mehr als sieben Jahren nur noch genutzt werden kann, um darauf Linux zu installieren, weil die Software nicht mehr richtig läuft und keine Updates mehr zur Verfügung gestellt werden. Das Recht auf Reparatur, für das sich die Europäische Union jetzt endlich einsetzt – hoffentlich ohne dabei, wie in so vielen anderen Dingen, vor irgendwelchen Großkonzernen einzuknicken – war absolut überfällig, wenn es Wartbarkeit von Geräten auch nur begrenzt garantiert (Right to Repair, 2024).

Die Reparierbarkeit betrifft aber nicht nur materielle Dinge, wir können sie auch in den immateriellen Dingen wiederfinden, welche unser Leben oder unser berufliches Handeln bestimmen. Bei mir betrifft das zum Beispiel die Entwicklung von Ideen in der Wissenschaft, das Erstellen von Programmiercode, oder die Kuratierung von Forschungsdaten Wenn ich als Wissenschaftler Texte schreibe, dann ist es wichtig, sie so zu verfassen, dass ich sie selbst auch in ein paar Jahren noch verstehen kann. Nur so kann ich die Gedanken, die darin geäußert wurden, warten, prüfen, und schauen, ob ich weiterhin gut mit ihnen fahren kann.

Auch in Bezug auf die Computerprogramme, die ich schreibe, um Daten zu analysieren, ist es wichtig, zu gewährleisten, dass sie noch in ein paar Jahren verstanden werden können. Denn nur so kann ich sie weiter entwickeln, ohne irgendwann von Null anfangen zu müssen. Nur so können auch andere darauf zugreifen und die Programme selbst weiter ausbauen, sie auf Fehler durchsuchen, oder sie eigenständig verbessern.

Auch die Daten, die ich in meiner täglichen Forschungsarbeit kuratiere, müssen ordentlich gewartet werden. So muss ich darauf achten, dass mein persönliches Wissensnetzwerk, das ich erstelle, auch in Zukunft noch effizient durchsucht werden kann. Daher muss ich beim Taggen, Einsortieren, und Beurteilen von Daten und Literatur, immer auf eine saubere Annotation achten, um sicherzustellen, dass ich das, was ich in meine Wissensdatenbank eingebe, in Zukunft am Ende auch wiederfinden und in mein Schreiben und Programmieren einbauen kann.

Ein wichtiger Aspekt der Kuratierung von Wissen ist die Referenz. Denn Wissen hat ja immer einen Ursprung, wir leiten es aus Artikeln oder Büchern ab, die wir gesehen haben, oder aus Gesprächen, die wir geführt haben. Mehr und mehr greifen wir dabei auch auf Abkürzungen zurück. Zu Beginn einer Recherche schlagen wir erst mal eine Wikipediaseite auf, um uns einen Überblick über ein uns wenig bekanntes Thema zu verschaffen. Wer gern gründlich arbeitet, greift auch auf Fachwörterbücher oder Fachenzyklopädien zurück, oder durchsucht Bibliothekskataloge, um neuere Werke zu dem Thema zu identifizieren.

Während Abkürzungen wie klassische Suchmaschinen oder Wikipedia bis vor einigen Jahren noch verpönt waren unter Wissenschaftlern, sind sie inzwischen einer der wichtigsten Ankerpunkte wissenschaftlicher Arbeit geworden. Eine Vielzahl von Recherchen, die ich führe, beginnen mit einer Suchmaschine und Wikipedia. Dort verschaffe ich mir einen ersten Überblick, suche, wenn ich das Thema verfolgen möchte, die Originalliteratur heraus, und versuche dann, mein Wissen mit Hilfe dieser Originalliteratur so gut wie möglich auszubauen, so dass ich im Idealfall mehr weiß, als was im Wikipediaartikel ursprünglich geboten wurde.

Dieses Vorgehen ist wichtig, da die Wikipedia selbst oftmals sehr heterogene Quellen zusammenfasst, die häufig nicht einheitlich zitiert werden können und recht häufig auch selbst auf Werken beruhen, die sie nicht weiter zitieren. Wenn man sich zum Beispiel mit Pearson’s Chi-Quadrat-Test beschäftigen möchte, dann sollte man die ursprüngliche Arbeit von Pearson (Pearson, 1900) dazu nicht blind aus Wikipedia zitieren, sondern sie im Idealfall auch im Original anschauen, um sicherzustellen, dass diese Arbeit wirklich den Chi-Quadrat-Test vorstellt. Wenn man sich stattdessen auf eine Einführung in die Statistik berufen möchte, da der Test so verbreitet ist, dass Pearsons ursprüngliche Arbeit selten von denen zitiert wird, die den Test anwenden, dann sollte man nicht auf die Wikipedia-Seite verweisen, sondern die Quellen konsultieren, die von Wikipedia zitiert werden. Denn die Wikipedia aggregiert ihr Wissen ja schließlich auch aus der Originalliteratur, häufig aus anderen Enzyklopädien, und die sollte man unmittelbar prüfen, um sicherzustellen, dass sie korrekt wiedergegeben wurden.

Es stellt sich jedoch immer die Frage, bis zu welchem Zeitpunkt man zurückgehen soll, wenn man sein Wissen wartet. Wann tritt der Punkt ein, an dem ich mich einfach auf das verlasse, was mir ein Werkt bietet, ohne dass mich der Ehrgeiz packt, es weiter zu hinterfragen? Wann kann ich mich auf einem Stück Wissen ausruhen, ohne mich weiter auf die Suche nach der Quelle zu begeben, aus dem es gespeist wurde? Die Antwort darauf kann beträchtlich variieren, je nachdem, in welcher Situation man sich befindet, in welchem Fach man forscht, und wie zentral das Thema für eine bestimmte Arbeit ist.

Klare Grenzen habe ich mir meist selbst gesetzt. Dazu gehört es, Wikipedia nicht explizit zu zitieren, sondern mir immer ein eigenes Bild zu machen, indem ich zu einem Thema – auch mit Hilfe von Wikipedia – unabhängige Literatur zu finden versuche. Diesen Anspruch habe ich auch an Studienarbeiten und weise Studierende meist explizit darauf hin, dass es in unserem Fach nicht ausreicht, eine Wikipedia-Seite als Referenz für bestimmtes Wissen zu zitieren.

Das Vorgehen von Wissenschaft Betreibenden ist dabei jedoch selten konsequent und fällt in der Praxis meist sehr unterschiedlich aus. Zitate und Verweise sekundär zu übernehmen, ohne sie im Original nachzuprüfen, ist leider sehr weit verbreitet, und scheint in vielen Wissenschaftsbereichen gar nicht kritisch gesehen zu werden (auch wenn Plagiatejäger diese Fälle meist stolz auflisten und kategorisieren). Zitate aus eigenen Werken Artikel um Artikel wiederzuverwerten ist auch weit verbreitet und wird selten als wissenschaftliches Fehlverhalten betrachtet, auch wenn es aus Perspektive der Wartung von Wissensstrukturen fatal sein kann, da eine neue Auseinandersetzung mit den eigenen Äußerungen durch eine blinde Wiederverwertung ja kaum zustande kommen. Verweise auf scheinbar gesicherte Fakten, die keiner mehr nachprüfen muss, gibt es in nahezu allen Wissenschaftsbereichen.

Es gibt jedoch erhebliche Unterschiede, was als gesichert und was als nicht gesichert angesehen werden muss. Während man es in vielen statistisch ausgerichteten Bereichen zum Beispiel kaum als wichtig ansehen wird, den Chi-Quadrat-Test zu zitieren, halte ich es in der Linguistik für sinnvoll, da man den Test dort nicht als Allgemeinwissen voraussetzen kann. Während ich die Lebensdaten von Personen meist blind von anderen Quellen übernehme, oft auch, ohne die Quellen selbst zu zitieren, gibt es sicher Kontexte und Forschungsbereiche, in denen das ein Fehlverhalten wäre.

Ein weiterer Fall, der mir schwer missfällt, ist die unsägliche Praxis, graue Literatur zu zitieren, die nicht frei verfügbar ist. Da werden Handreichungen von berühmten Linguisten als unpublizierte Materialien zitiert, die am Ende keine einsehen kann, außer dem erlauchten Kreis derer, die die Handreichung im Original oder hinter vorgehaltener Hand digital erhalten haben.

Von einem Kontinuum zu sprechen, welches das Spektrum wissenschaftlichen Arbeitens abdeckt, das von ignoranter und bösartiger Übernahme bis hin zu penibelster Quellendokumentation reicht, wäre wohl zu viel des Guten. Aber wir haben es – was die Wartbarkeit unseres Wissens angeht – mit Abstufungen zu tun, welche dem Anspruch, eine vollständige Referenz bis zum Originalgedanken zu bilden, unterschiedlich gut gerecht werden und von Wissenschaftsbereich zu Wissenschaftsbereich mitunter beträchtlich variieren. Eine vollständige Referenzkette – wie sie Latour (auf den mich Alexander Werth aufmerksam gemacht hat) mit seiner circulating reference (Latour, 1999, 214–279) vorschwebt – gibt es wohl einfach nicht. Wie beim Warten und Reparieren von Gegenständen können wir es einander jedoch unterschiedlich schwer machen, die Referenzkette zu rekonstruieren.

Eine Frage bleibt in diesem Zusammenhang leider noch: Was passiert, wenn wir einen Schritt weiter gehen und die Gedanken nicht einmal mehr selbst formulieren, sondern nur noch nachbessern, weil wir sie von einer Sprachmaschine im Sinne von Simanowski (2025) haben vorgenerieren lassen? Wie wartbar sind diese Gedanken eigentlich? Wie gut können wir auf ihnen aufbauen, sie ausbessern, sie weiterverwerten?

Genügt es, wenn wir sie genauso wie die Wikipediaquellen behandeln und alles rigoros nachprüfen, was uns die Bots vorgenerieren? Die großartige von Menschen gemachte Enzyklopädie ordnet Wissen für uns ein, wir bereiten in der Wissenschaft auf. Was aber macht die Maschine, die das Internet leergesaugt hat und sich aus allen Äußerungen speist, die Menschen jemals im Netz gemacht haben?

Aber wenn wir dies weniger und weniger tun, wie gut können wir dann unsere Gedanken mit zeitlichem Abstand einordnen, verstehen, und zu ihnen stehen, oder sie kritisch prüfen? Ich weiß es leider einfach nicht. Genauso wie jemand basierend auf Wikipedia gute und neue Ideen entwickeln kann, bei denen ein Chi-Quadrat-Test zum Einsatz kommt, ohne jemals die Referenzkette bis zu Pearson oder sogar über ihn hinaus vollendet zu haben, kann es sein, dass jemand Sprache von einem Sprachmodell generieren lässt und daraus neue Methoden oder Verfahren entwickelt, die unser Wissen über die Welt entscheidend erweitern.

Wissenschaft ist aber trotz ihrer Betonung des Genies niemals ein Einzelsport. Wir bauen immer auf den Gedanken anderer auf, spinnen sie fort, teilen sie, damit sie fortgesponnen werden können. Es kann daher auch sein, dass der von Gerlach & Lange (2026) in Bezug auf das Wissen von Betrieben befürchtete Effekt auch global in unseren gesellschaftlichen Wissenssystemen eintritt und dazu führt, dass wir unsere Erkenntnisse am Ende nicht mehr warten können. Mit dem Warten von Wissen und Erkenntnissen ist es am Ende genauso wie mit der Wartung von öffentlichen Gegenständen: Wenn wir sie nicht pflegen, bleiben verwüstete, vermüllte Landschaften zurück, in denen sich keiner mehr aufhalten möchte.

Literatur

Brand, S. (2025). Maintenance: Of everything. Part one. Stripe Press.

Gerlach, J. P., & Lange, D. (2026). Fading Memories: The Role of Machine Learning in Organizational Knowledge Depreciation. Academy of Management Review [published online before print]. https://doi.org/10.5465/amr.2024.0408

Klein, E. (2026). A dose of wisdom from Silicon Valley’s favorite prophet. New York Times, 175(4). https://www.nytimes.com/2026/04/24/opinion/ezra-klein-podcast-stewart-brand.html

Latour, B. (1999). Pandora’s hope. Essays on the reality of science studies. Harvard University Press.

Pearson, K. (1900). On the criterion that a given system of deviations from the probable in the case of a correlated system of variables is such that it can be reasonably supposed to have arisen from random sampling. The London, Edinburgh, and Dublin Philosophical Magazine and Journal of Science, 50(302), 157–175. https://doi.org/10.1080/14786440009463897

Right to Repair Europe (2024). The current state of Right to Repair in the EU. Right to Repair Europe. https://repair.eu/wp-content/uploads/2024/10/Current-State-of-EU-Right-to-Repair_v3_2.pdf

Simanowski, R. (2025). Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz. C. H. Beck.