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Vom Ablehnen

Ich habe heute ein wirklich originelles Gutachten für einen wissenschaftlichen Artikel geschrieben. Ich glaube, es ist das originellste Gutachten, das ich je geschrieben habe. Wenn das aber mit dem Anspruch, die die modernen Zeitschriftenorganisationssysteme so mit sich bringen, wird es sicher auch nicht das Letzte dieser Art gewesen sein. Das Gutachten lautete (frei ins Deutsche übersetzt):

Entschuldigung, ich wollte das Gutachten eigentlich gar nicht schreiben, da ich mich mit dem Thema nicht auskenne, aber ich habe aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt. Jetzt lässt mir Ihr System leider keine Wahl, diese Entscheidung rückgängig zu machen, und da ich weiß, dass Sie auf meine Emails ohnehin nicht antworten werden, muss ich leider jetzt diese Textfeld, das eigentlich für das Gutachten gedacht ist, nutzen, um Ihnen durch dieses Scheingutachten mitzuteilen, dass ich das Gutachten nicht verfassen kann.

Das Problem, auf das ich hier versucht hatte, zu reagieren, besteht in den automatisierten Systemen der wissenschaftlichen Zeitschriften, die Menschen einladen, Gutachten zu verfassen. Diese sind meist vollkommen automatisiert. Von Seite der Herausgeber wird nur die Email der Person eingegeben, die ein Gutachten für ein bestimmtes Manuskript verfassen soll. Dann wird diese Person in regelmäßigen Abständen mit Emails bedacht, die sie auffordern, das Gutachten zu verfassen.

Meist sind die Fristen, die dabei gesetzt werden, lächerlich kurz. Der Standard bei Verlagshäusern wie Springer-Nature liegt bei zwei Wochen. Wenn man nicht auf die Email antwortet, wird man so lange weiter alle paar Tage eine Erinnerung bekommen, bis man entweder abgesagt oder zugesagt hat, oder bis genug Menschen gefunden wurden, die bereit sind, ein Gutachten zu verfassen. Dann kann von Herausgeberseite die Einladung zurückgezogen werden, und man bekommt entweder eine Absage, oder einfach keine Emails mehr.

Wenn man jetzt, wie ich, entweder aus Versehen den falschen Knopf drückt, oder (wie ich in einem anderen Fall) beim Lesen des vollen Textes merkt, dass man schlicht nichts sagen kann zu dem Thema, dann gibt es keine Möglichkeit, das Gutachten wieder abzulehnen. Das ist im System einfach nicht vorgesehen worden. Man kommt aus der Angelegenheit also einfach nicht mehr raus, ohne etwas außerhalb des gegebenen Systems zu tun, oder dem System zu gehorchen. Beim ersten Mal habe ich noch versucht, eine Email an die Zeitschrift zu schreiben. Es hat aber keiner reagiert. Als es mir mit dem falschen Knopf dann wieder passierte, hab ich mich für die neue Variante entschieden.

Das Gemeine an diesen Systemen ist ja, dass Nicht-Reagieren eben auch nicht hilft. Denn dann bekommt man diese unpersönlichen, bürokratisch fordernden Emails alle paar Tage zugeschickt, was sich zusammen mit normalen Spams und den Spams von Paper Mills und Predatory Publishers (List 2021) schon zu einer beachtlichen Anzahl an Nachrichten mausern kann, die einem die Inbox verstopfen und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, wichtige Nachrichten zu ignorieren.

Vor allem, wenn man Dinge wie Gutachten generell gewissenhaft angeht (und ich denke, dass ich das tue), dann können diese ständigen Erinnerungsemails schon einen ordentlichen Druck aufbauen. Ich gehe davon aus, dass viele Kolleginnen und Kollegen eine Vielzahl der Emails dieser Art einfach ignorieren, wenn sie sie bekommen. Mir selbst fällt es aber wirklich schwer, Dinge unbeantwortet zu lassen. Das gehört sich eben einfach nicht. “Das macht man nicht”, um die Worte meiner Oma zu bemühen. Ich finde es selbst schon immer so störend, wie Menschen sich im beruflichen Kontext problemlos ghosten (List 2024), dass ich keine Lust habe, da mitzumachen, auch wenn meine Wut über die Verlage durch diese ständigen Erinnerungsmails immer mehr zunimmt.

Auch wenn es natürlich nicht die feine Art ist, statt eines Gutachtens eine Absage zu liefern, so sehe ich im Moment keine andere Möglichkeit, auf das Problem aufmerksam zu machen, welches die Verlage mit ihrer schrecklichen Publikations- und Begutachtungspolitik zu verantworten haben. Es ist nur zu verständlich, dass keiner mehr Gutachen schreiben möchte, wenn man sich anschaut, wie die Verlage ihre Autoren in der Wissenschaft behandeln. Gutachten pauschal zu verweigern ist jedoch leider auch keine Lösung. Wir sind ja schließlich alle darauf angewiesen, dass jemand unsere eigenen Texte liest und begutachtet.

Ich verfasse daher weiter fleißig meine Gutachten (in diesem Jahr waren es schon insgesamt 40, ohne die abgelehnten mitzuzählen) und werde das auch weiterhin tun. Aber ich habe mir jetzt vorgenommen, die Zeitschriften und deren Herausgeber in Zukunft ein bisschen mehr in die Pflicht zu nehmen. Wenn mir Artikel ohne Code und Daten geliefert werden, dann werde ich nicht mehr freundlich die Autorinnen oder Autoren daran erinnern, mir diese nachzuliefern, sondern stattdessen einfach den Artikel ablehnen und das Gutachten durch eine freundliche Nachricht an die Herausgeber ersetzen, die diese darauf hinweist, dass es ihre Pflicht ist, Einreichungen auf Vollständigkeit zu prüfen, und nicht meine.

Wenn man nur noch Aufmerksamkeit erzeugen kann, indem man das System sprengt, dann sei es eben so. Ich habe ja jetzt immerhin eine Vorlage, die ich auch in Zukunft immer dann verwenden kann, wenn ich mal wieder aus Versehen auf den falschen Knopf gedrückt habe. Die muss dann nur noch um eine Vorlage ergänzt werden, die ich nutzen kann, wenn wieder mal ein nicht reproduzierbarer Artikel auf meinem Gutachtertisch landet. Mal sehen, welche weiteren Vorlagen die nächsten Jahre ergeben werden. Die Themen, wo man wissenschaftlich Mist bauen kann, werden in Zeiten von KI und Depp-Bots ja nicht weniger.

Literatur

List, Johann-Mattis. 2021. “Von Beutegreiferverlagen und Papierfabriken.” Von Wörtern Und Bäumen 5 (6). https://wub.hypotheses.org/1312.

———. 2024. “Von Geistern verlassen.” Von Wörtern Und Bäumen 8 (11). https://doi.org/10.58079/12p9y.

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Von türstehenden Gutachtern

Ich habe vor Kurzem nach langer Zeit wieder ein mal ein außergewöhnlich negatives Gutachten verfasst und verlangt, einen Artikel zurückzuweisen, der in einer Zeitschrift eingereicht worden war. Der Artikel war tatsächlich überhaupt nicht gut, und auch wenn ich für mich nicht die absolute Objektivität beanspruchen kann, gehe ich doch davon aus, dass das 9 von 10 Kolleginen oder Kollegen genauso sehen werden wie ich, vielleicht sogar 99 von 100.

Trotzdem habe ich gezögert, ob ich dieses dann doch sehr harsche Urteil fällen sollte. Denn zu oft erlebe ich es, wie vor allem ältere oder wissenschaftliche etablierte Kolleginnen und Kollegen das Gutachten als ein Mittel nutzen, Ideen, die den eigenen zuwiderlaufen, den Zugang zu größerer Aufmerksamkeit zu verschließen, indem sie unliebsame Artikel als Gutachter direkt zurückweisen oder als Herausgeber diesen Artikeln bewusst ungnädige Gutachter zuweisen.

Viele dieser Erlebnisse spielen sich in vertraulichen Bereichen ab, über die man nicht direkt offen sprechen sollte, weshalb ich keine konkreten Beispiele geben will. In meiner Rolle als Mitherausgeber von Zeitschriften oder auch als Gutachter für eine Vielahl unterschiedlicher Zeitschriften erhalte ich ja direkte Einblicke in das, was Kollegen oder Kolleginnen als Gutachten verfassen, wobei ich dann auch Information über die ursprünglichen Verfasser der Arbeiten habe, die abgelehnt werden.

Die Erlebnisse, die mir dabei am meisten aufstoßen, sind solche, in denen grundlegend schlechte, zuweilen sogar richtig feindselige Gutachten verfasst werden, um Methoden oder Hypothesesen, die den Arbeiten der Gutachtenden zuwiderlaufen, von vornherein jegliche Chance zu nehmen, in der jeweiligen Zeitschrift zu erscheinen. Das kommt zwar nicht sehr oft vor, aber doch so oft, dass es für mich ein grundlegendes Ärgernis in Bezug auf die wissenschaftliche Begutachtungspraxis darstellt. Wissenschaftler missbrauchen ihre Herausgeber- oder Gutachterrolle, um sich aufzuführen wie Türsteher, die einen Club “sauber” halten wollen. Nur, wer die eigene, reine Lehre vertritt, wird auch hereingelassen. Dass so eine Haltung jeglichen Dialog unterdrückt, wird dabei selten abgestritten, sondern eher auf erschreckend banale Weise rationalisiert, indem den fraglichen Arbeiten jegliche Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird.

Natürlich lässt sich darüber diskutieren, was wissenschaftlich ist und was nicht, oder was sauber recherchiert worden ist und was nicht. Natürlich gibt es Desinformation und Fake News und natürlich gibt es Arbeiten, die der guten wissenschaftlichen Praxis zuwiderlaufen. Nur geht es bei den Fragestellungen, welche die Türstehermentalität mancher Kollegen zutage treten lassen, am Ende fast nie um die Frage der wissenschaftlichen Qualität, sondern eigentlich fast immer darum, dass die Fragestellung an den Hypothesen der Kollegen selbst rüttelt und diese in Frage stellt. Da sich viele Vertreter der historischen Sprachwissenschaft auf eine geradezu persönliche Art mit ihren Hypothesen und Theorien identifizieren, nehmen sie Arbeiten, die es wagen, diese zu bezweifeln, oftmals als persönlichen Affront und setzen dann nicht selten alles daran, diese Arbeiten zu boykottieren.

Was dieses Verhalten begünstigt, ist das grobe Missverständnis, dass man Forschung auf einfachste Art in gut und schlecht einteilen kann. Diese Haltung ist mir vor allem in der historischen Sprachwissenschaft schon sehr häufig begegnet. Wenn man zum Beispiel ein bestimmtes etymologisches Wörterbuch erwähnt, auf das man sich stützt, kann es sehr gut vorkommen, dass man pikiert darauf hingewiesen wird, dass dieses eine bestimmte Buch ja voller Fehler sei und man sich daher auf nichts verlassen könne. Dass etymologische Wörterbücher dabei eigentlich fast immer aufeinander aufbauen (ein Großteil der Etymologien wird aus älteren Ausgaben übernommen) und Unterschiede nur in einem Bruchteil von Wörtern zu erwarten sind, wird dabei natürlich ignoriert. Die Tatsache, dass Autor X bei der Etymologie für das wort abc in der Sprache Y einen groben Fehler macht, reicht aus, das gesamte Werk als fehlerbehaftet zu ignorieren.

Was ich auch häufig erlebe, ist die Diskreditierung ganzer sprachwissenschaftlicher Schulen oder aller Arbeiten einer Einzelperson auf der Basis einzelner Untersuchungen, die diese durchführen. Wenn jemand darüber spekuliert, dass es eine Ursprache gegeben haben könnte, aus der Indogermanisch und Semitisch und einige andere große Sprachfamilien hervorgegangen sind — eine spekulative Theorie über eine uralte Sprachfamilie, die meist als Nostratisch bezeichnet wird (Starostin et al. 2016) — dann genügt das für viele in der vergleichenden Sprachwissenschaft bereits, um auch Arbeiten derselben Autoren zu diskreditieren, die sich auf die indogermanische Sprachfamilie beziehen, welche aber von der Forschung allgemein anerkannt wird (Meier-Bruegger 2002). Die Logik ist so klar wie falsch: Wer sich hinreißen lässt, über Sprachfamilien, die älter sind als das Indogermanische zu spekulieren, der hat seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verspielt und verdient es daher auch nicht, in anderen Bereichen ernst genommen zu werden.

Es ist traurig, dass eine dermaßen lächerliche Argumention, die für einen Fehler alle Arbeiten einer Person oder eines Werkes bestraft, unsere Forschung in Teilen dominiert. Dass dies überhaupt passieren kann, liegt vor allem auch daran, dass die Türsteher selbst einen großen Forschungsfehler begehen, der der guten wissenschaftlichen Praxis komplett zuwiderläuft: Sie nehmen ihre Ergebnisse persönlich. Indem sie ihre vermeintlichen Erkenntnisse und deren vermeintliche wissenschaftliche Qualität durch die scheinbare Wahrheit ihrer Hypothesen und Theorien definieren, schaffen sie einen Raum, in dem Zweifel — die ja für die wissenschaftliche Forschung eine der wichtigsten Grundlagen darstellen — persönlich genommen werden. Es geht dann gar nicht mehr um das Erkenntnisinteresse an sich, sondern darum, individuelle Erkenntnisse als vermeintlich objektive Wahrheiten zu propagieren. Am Ende betreiben Menschen, die Forschung auf diese Art betreiben, nichts anderes als Propaganda für sich selbst und ihre Macht im wissenschaftlichen System.

Die Macht, die mir das wissenschaftliche System gibt, zu entscheiden, welche Forschung in einer Zeitschrift erscheint und welche nicht, beschäftigt mich schon eine ganze Weile. Je mehr Anfragen zu Gutachten ich bekomme (im letzten Jahr habe ich ganze 54 Gutachten für Zeitschriften, Konferenzen, Forschungsorganisationen und Universitäten verfasst), desto mehr denke ich darüber nach, wie ich verhindern kann, am Ende nicht selbst zum Türsteher der Forschungsrichtung zu werden, die ich selbst vertrete.

Da ich in meiner eigenen Forschung selbst kaum eigenen Hypothesen oder Theorien nachgehe, ist es mir in den meisten Fällen gleichgültig, welche Idee am Ende gewinnt. Dass große Erkenntnisunterschiede zwischen Nostratisch und Indogermanisch liegen, liegt auf der Hand und wird wohl von kaum jemandem bezweifelt. Ob sich Theorien zum Nostratischen aber später als plausibel erweisen oder nicht, das treibt meine Forschung nicht an. Daher sehe ich auch keinen Grund, gegenüber Vertretern oder Gegnern der Theorie eine persönliche Missgunst zu entwickeln oder zu pflegen.

Was mich hingegen tatsächlich antreibt, ist die Begeisterung für offene Forschung, vor allem vertreten durch offene Daten und transparenten, offenen Programmierkode. Wenn ich Artikel begutachte, schaue ich mir daher heute meist als erstes an, wo ich die Daten finden kann und wo den Kode. Wenn beide fehlen, schlage ich eine Revision vor, weil meine Kriterien guter wissenschaftlicher Praxis nicht erreicht werden. Die Revision ermöglicht dabei den Autorinnen und Autoren jedoch meist, innerhalb kurzer Zeit zu reagieren und Daten und Kode nachzureichen. Ich kommuniziere auch immer mit dem Editoriat der Zeitschriften und weise darauf hin, dass ich das Gutachten bei Vorliegen von Daten und Kode schreiben kann, ohne eine Revision zu fordern, und bemängele auch oft, dass das Fehlen von Daten und Kode nicht schon auf Ebene des Editoriats geprüft wurde. Wenn sich Autorinnen oder Autoren weigern, Daten oder Kode zu liefern, dann weigere ich mich inzwischen einfach, das Gutachten zu verfassen. Das kann natürlich oft dazu führen, dass die Artikel trotzdem ohne Daten und Kode veröffentlicht werden, diese Entscheidung sollte jedoch auf Ebene der Zeitschrift von der Herausgeberschaft geklärt werden, nicht durch negative Gutachten.

Studien wirklich ablehnen tue ich eigentlich nur noch aus zwei Gründen. Entweder sehe ich, dass ein Beitrag ganz klar nicht zu der Zeitschrift passt, wo er eingereicht wurde. In diesem Fall verbinde ich die Ablehnung immer mit der Empfehlung, sich eine andere Zeitschrift zu suchen, die den Beitrag besser würdigen kann. Der andere Grund sind Studien, die dem Forschungsstand so dermaßen weit hinterherhinken, dass eine Aufarbeitung einer neuen Arbeit gleichkäme. Wenn mir solche Studien begegnen und ich überzeugt bin, dass nicht nur ich so urteilen würde, sondern eine große Mehrheit an Kolleginnen und Kollegen in meinem Feld zu gleichen Schlüssen kommen würden, dann lehne ich derartige Studien auch ab und empfehle, noch mal von vorn anzufangen.

Das negative Gutachten, das ich verfasst habe, war genau so ein Fall gewesen. Der Artikel wies grobe Fehler in der Analyse auf, die auf fehlerhaften Methoden beruhten, die sich sehr leicht und direkt als solche identifizieren lassen, und ich bin mir sicher, dass auch die Autorinnen und Autoren dem zustimmen werden, wenn sie sich wirklich in den Forschungsstand eingelesen haben. Am Ende wurden in der Arbeit wiederholt erfundene Räder vorgestellt, die eine viereckige Form aufweisen. Es wurden also neue Methoden vorgestellt, die Probleme lösen, für die es schon Lösungen gibt, und gleichzeitig auf fehlerhaften Verfahren beruhen. Ich habe dem Editoriat in meinem Gutachten mitgeteilt, dass ich gerne bereit bin, den Verfassern konkrete Tips für eine neue Studie zu geben und dass sie ihnen dafür meinen Namen auch gerne mitteilen könnten. Da mein Gutachten in der Form, in der ich es verfasst hatte, vielleicht ein bisschen grob ausgefallen war, hatte ich dadurch gehofft, deutlich zu machen, dass ich in meiner Kritik nicht auf die Person abziele, sondern gerne weiterhelfen und mein Wissen um die Thematik teilen kann.

Ob mein Vorgehen allerdings richtig ist, ob es wissenschaftlich sauber ist, bei der Begutachtung auf Zurückweisungen von Studien so gut wie möglich zu verzichten, einen sehr speziellen Fokus auf bestimmte formale Prinzipien wie die offene Forschung zu legen, und die Interpretation von Ergebnissen weitestgehend den Gutachten oder Folgestudien anderer zu überlassen, das weiß ich leider selbst nicht. Was mich jedenfalls stört an der gängigen wissenschaftlichen Praxis, ist, dass diese Themen so selten wirklich offen diskutiert werden. Es erschüttert mich immer wieder, wenn ich sehe, wie manche Kolleginnen und Kollegen miteinander in Gutachten miteinander umgehen. Das schließt auch die Autorinnen und Autoren selbst mit ein, die nicht selten selbst einen aggressiven Ton anlegen, wenn sie auf die Gutachten antworten, und selten vom Editoriat zurecht gewiesen werden.

Zeitschriften gehen ja inzwischen vermehrt dazu über, den gesamten Publikationsverlauf, der von den ersten Gutachten über die Antworten auf diese Gutachten bis hin zur Publikation reicht, mitsamt der Studie selbst zu veröffentlichen. Dies schafft zwar die Transparenz, die ich mir wünschen würde (zumal sowohl anonyme, als auch offene Gutachten in dieser Form möglich sind), es fehlt uns aber in vielen Bereichen der Wissenschaft noch die Bereitschaft der Wissenschaft betreibenden selbst, diese Informationen auch tatsächlich aufzunehmen und in die Beurteilung von Studien miteinzubeziehen. Offene Gutachten sind schließlich nur sinnvoll, wenn sie am Ende auch von Menschen gelesen und in den kritischen Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens einbezogen werden. Es gibt leider noch wahnsinnig viel zu tun, wenn wir die Wissenschaft in ihren methodologischen Prinzipien weiter voranbringen wollen.

Literatur

Meier-Brügger, Michael (2002): Indogermanische Sprachwissenschaft. Berlin and New York:de Gruyter.

Starostin, George S. and Zhivlov, M. and Alexei Kassian (2016): The “Nostratic” roots of Indo-European: from Illich-Svitychto Dolgopolsky to future horizons. Slovo a slovesnost 77.1. 292-415.

Im Dschungel der Evidenz

Während seit Pandemiebeginn stark über die Rolle, welche Forschung in unserem Leben spielen sollte, diskutiert wurde, wurde leider sehr wenig darauf eingegangen, wie man sich im Dschungel der Fakten zurecht finden kann. Bei den Unmengen an Forschungsergebnissen, die täglich zu verschiedensten Themen produziert werden, ist es nicht nur für Laien unmöglich, den Überblick zu behalten und dann auch noch die guten von den schlechten Ergebnissen in Aschenputtelmanier zu trennen. Das Schema F zur Evaluierung wissenschafticher Forschungsergebnisse, welches in den meisten Medien oft mit großer Erfurcht erwähnt wird, ist das Peer-Review-Verfahren. Wenn ein Artikel in einer Zeitschrift erschienen ist, die ein solches Peer-Review-Verfahren anwendet, dann — so die gängige Erklärung — könnten die Ergebnisse als gesichert angesehen werden, weil die wissenschaftliche Community sie streng geprüft und als gut befunden habe.

Wie so ein Peer-Review-Verfahren am Ende aussieht, dass scheint Journalistinnen und Journalisten dann meist weniger zu interessieren, was schade ist, da die Qualität des Peer-Review-Verfahrens selbst ja nicht weiter überprüft wird. Weder bekommen Gutachterinnen und Gutachter Feedback, ob ihre Kommentare zu Artikeln hilfreich waren, noch gibt es formale Richtlinien, die sicherstellen, wie viel Arbeit eine Gutachterin oder ein Gutachter am Ende in ihr Gutachten stecken sollten, um die Güte der Ergebnisse sicherzustellen. In den meisten Fällen werden Gutachten ja nach wie vor unter Verschluss gehalten. Das heißt dann auch, dass meist nur die Menschen, die selbst Forschungserfahrung haben, einen Eindruck dessen haben, wie so ein Peer-Review-Verfahren am Ende konkret abläuft oder ablaufen kann.

Zum Glück ändert sich die Situation mit den Peer-Review-Verfahren inzwischen, auch wenn das bisher kaum vom Wissenschaftsjournalismus kommentiert oder auch aktiv genutzt wurde. Mehr und mehr Zeitschriften haben inzwischen angefangen, die Gutachten zu wissenschaftlichen Artikeln mit den Artikeln selbst zu veröffentlichen. Manche Zeitschriften, wie die von der EU geförderte Zeitschrift Open Research Europe sind sogar dazu übergegangen, das gesamte Begutachtungsverfahren offen zu halten. Dies heißt dann konkret, dass man — wie wir das vor Kurzem in einer Studie zur Entdeckung von Entlehnungen (List und Forkel 2021) getan haben — erst einen Artikel einreicht und dann vorschlägt, welche Kolleginnen oder Kollegen diesen begutachten könnten. Wenn jemand dann ein Gutachten schreibt, wird dieses mit dem Namen der Person veröffentlicht, und von Autorenseite kann dann auf die Gutachten reagiert und der Artikel revidiert werden. In anderen Fällen werden am Ende nur die Gutachten mit dem Artikel veröffentlicht, entweder anonym, oder — wenn die Person, die ein Gutachten verfasst hat, zustimmt, mit deren Namen.

Die Information zum Begutachtungsverfahren offenzulegen ist eine entscheidende Forderung der Bewegung zur Offenen Wissenschaft, welche zusätzlich auch fordert, dass Daten und Code offengelegt werden, und Ergebnisse replizierbar sein müssen. Wenn Zeitschriften schon heute diese Daten zu den Gutachten liefern, ermöglichen sie es auch den Menschen, die nicht als Forscherinnen oder Forscher arbeiten, direkt nachzuvollziehen, wie gründlich eine Studie überprüft wurde.

Als Beispiel sei auf einen Artikel von Mongelli et al. (2021) verwiesen, auf den der Politiker Karl Lauterbach auf Twitter hinwies, wo er ihn als gesicherte Evidenz anführte, dass Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, schneller altern. Der Artikel wurde im MDPI-Journal International Journal of Molecular Sciences veröffentlicht. Der Herausgeber dieser Zeitschrift, MDPI (https://www.mdpi.com/), ist sehr umstritten. MDPI bietet Dutzende von Zeitschriften an, die Titel tragen wie “Languages”, “Cells”, oder “Insects”, die teilweise — vielleicht nur scheinbar zufällig — an die Titel renommierter Fachzeitschriften erinnern. Wer in MDPI-Zeitschriften veröffentlicht, muss relativ hohe Gebühren für Artikel bezahlen, die in reichen Ländern meist aus dem Forschungsetat abgedeckt werden. Um mehr Beiträge zu erhalten, die ja das Geschäftsmodell von MDPI ausmachen, bombardiert der Herausgeber Forscherinnen und Forscher mit automatisierten Emails, die diese auffordern, doch Spezialausgaben, sogenannte special issues, zu organisieren, um mehr Artikel veröffentlichen zu können. Da ich selbst diese Emails in vermehrter Zahl bekommen habe, lehne ich inzwischen jegliche Zusammenarbeit mit dem Herausgeber ab und erstelle auch keine Gutachten mehr für die linguistischen Zeitschriften von MDPI. Es muss aber betont werden, dass MDPI tatsächlich einige Themen abdeckt, für die bisher keine Fachzeitschriften zur Verfügung standen, weshalb es durchhaus Zeitschriften in MDPIs Portfolio gibt, die inzwischen ein relativ großes Renommee in der wissenschaftlichen Community genießen.

Ein lobenswerter Aspekt aller MDPI-Zeitschriften ist, dass die Gutachten online frei verfügbar gemacht werden. In dem Fall der Studie von Mongelli et al. kann man diese dann auch direkt finden, wenn man den Artikel über den Digital Object Identifier 10.3390/ijms22116151 abruft. Wer den Artikel aufruft, sieht zunächst die Editionsgeschichte, welche uns darauf hinweist, dass der Artikel am 13. Mai eingereicht wurde, und am 28. Mai revidiert wurde, um schließlich am 31. Mai angenommen und am 7. Juni veröffentlicht zu werden. Die Geschwindigkeit ist erstaunlich, da wir in der Linguistik zuweilen fast ein Jahr warten müssen, bis wir zuweilen sehr lange Gutachten erhalten und auf diese dann reagieren müssen. MDPI übt allerdings wie viele der Großherausgeber einen starken Druck auf Gutachterinnen und Gutachter aus, indem automatisierte Emails daran erinnern, dass man mit dem Gutachten wieder zwei Tage zu spät dran ist.

Wenn man sich die Reviews selbst ansieht, ist es allerdings weniger verwunderlich, warum das Ganze so schnell ging, da die zwei Gutachten, die zu dem Artikel geschrieben wurden, kaum eine Seite füllen. Die Gutachten bewerten die Statistik unter anderem als “überzeugend” (convincing), obwohl die Analysen selbst von den Autorinnen und Autoren nicht geteilt wurden. Stattdessen heißt es nur im Artikel, unter der Sektion Data Availability Statement, dass die Daten “upon reasonable request” erhältlich seien. Was genau sich hinter diesem “reasonable request” verbirgt, ist unklar und nicht im Einklang mit den Prinzipien Offener Wissenschaft.

Unklar ist auch, ob die Daten denn für die Gutachten zur Verfügung gestellt wurden. Bei der Geschwindigkeit, mit der diese ausgeführt wurden, ist davon auszugehen, dass dies nicht der Fall war. Wir haben es also mit einem flüchtig begutachteten Artikel zu tun, zu dem keine offenen Daten vorliegen, die es uns erlauben würden, die Ergebnisse genauer zu überprüfen oder zu wiederholen. Alles in allem ist diese Studie kein gutes Beispiel für ein gesichertes Forschungsergebnis, das durch das Peer-Review-Verfahren validiert wurde. Sie ist eher ein Beispiel dafür, was mit einem System passiert, in dem zugunsten der Quantität auf ein Sicherstellen der Qualität verzichtet wird.

Dies muss nicht mal heißen, dass die Studie falsch ist und Fehler aufweist, vielleicht ist ja alles richtig, was in der Studie, die übrigens selbst auf die Vorläufigkeit der Ergebnisse hinweist, dargelegt wird. Ich könnte die Studie mangels Fachwissens ohnehin nicht auf ihre tiefere Qualität überprüfen.  Die kurze Untersuchung der Gutachten und der Einhaltung von Prinzipien der Offenen Forschung, die ich exemplarisch durchgeführt habe, zeigt lediglich, dass wir die Studie in der Form, in der sie vorliegt, nicht auf ihre Qualität überprüfen können.

Das Problem, dass Peer-Review-Verfahren unter Zeitdruck und nicht besonders gründlich durchgeführt werden, begegnet uns nicht nur in den Lebens- und Naturwissenschaften. Auch in den Geisteswissenschaften haben wir das Problem, dass Gutachten selten das leisten können, was sie entsprechend der “Legende der wissenschaftlichen Methode”, wie Miedema (2021: 17) das volkstümliche und im Journalismus oft bemühte Bild von Wissenschaft als heroischer, nur dem Geist verpflichteter Disziplin beschreibt, eigentlich leisten müssten. Dabei spielt nicht nur die Zeit, die man für Gutachten aufwendet eine Rolle, oder die Gründlichkeit, mit der vorgegangen wird, was man als praktische Probleme abtun könnte, die man möglicherweise beheben könnte, sondern auch die Frage, inwiefern es überhaupt möglich ist, Forschungsergebnisse wirklich als gesichert zu klassifizieren.

Wenn ich selbst Gutachten schreibe, weise ich inzwischen oft darauf hin, dass ich nur bestimmte Aspekte einer Arbeit kommentieren kann, weil meine Expertise für die gesamte Arbeit oft einfach nicht ausreicht. Ich erwähne dann gegenüber den Personen im Editoriat meist auch immer explizit, dass ich ihnen rate, weitere Gutachten zu den anderen Bereichen einzuholen, vor allem, wenn mir diese begutachtenswert zu sein scheinen. Es gibt aber viele Fälle, in denen das Editoriat einer Zeitschrift große Probleme hat, überhaupt genügend Gutachterinnen oder Gutachter zu finden, die einen Artikel beurteilen könnten. Vor allem, wenn es um Spezialbereiche geht, die interdisziplinäres Wissen erfordern, oder um spekulative Interpretationen von Ergebnissen, die sich nicht einfach objektiv beurteilen lassen, haben es wissenschaftliche Zeitschriften durchgängig schwer, jemanden zu finden, der die Forschung am Ende auch ordentlich begutachten kann.

Ein Beispiel für diese Probleme ist ein kürzlich erschienener Artikel von Robbeets et al. (2021), in dem über den Ursprung der Altaischen Sprachen spekuliert wird, eine hypothetische Sprachfamilie, die Sprachen wie Türkisch, Mongolisch, Japanisch, Mandschurisch und Koreanisch in einer Superfamilie einschließt (Starostin et al. 2003) und in verschiedenen Formen schon im 19. Jahrhundert postuliert wurde, aber bis heute in der Forschung stark umstritten geblieben ist. Wenn man sich die Gutachten zu dem Artikel, welcher prominent in Nature veröffentlicht wurde, anschaut, fällt auf, dass die Gutachter fast ausschließlich aus der Archäologie kommen, und somit gar nicht in der Lage sind, die Daten aus der Linguistik und der Genetik, die im Artikel mit Daten aus der Archäologie verglichen und spekulativ interpretiert werden, angemessen zu beurteilen, wie Lai (2021) schön herausgestellt hat.

Man könnte es dem Editoriat von Nature vorwerfen, erst gar keine Menschen, welche vor allem die linguistischen Daten und Analysen kritisch bewerten könnten, zur Begutachtung eingeladen zu haben. Das Problem liegt bei den Altaischen Sprachen aber weitaus tiefer, da die Linguistik in Bezug auf dieses Thema so polarisiert ist, dass sich Befürworter und Gegner der Altaischen Hypothese seit Jahrzehnten unangenehmste wissenschaftliche Grabenkämpfe liefern, denen es schon lange an Sachlichkeit entbehrt. Eine neutrale linguistische Begutachtung der Arbeit von Robbeets et al. ist daher — zumindest im Moment — leider gar nicht möglich, da alle Personen, die für Gutachten in Frage kämen, in gewisser Weise befangen sind, weil sie entweder mit dem Team der Studie zusammenarbeiten, oder gegen sie agieren.

Natürlich müsste von Seiten der Wissenschaft noch eine ganze Menge getan werden, um die Güte des Peer-Review-Verfahrens zu erhöhen. Das Veröffentlichen von Gutachten und die Forderung, der Offenen Wissenschaft durch das Teilen von Daten, Code, und Analyseergebnissen Rechnung zu tragen, sind ein erster Schritt, dem in Natur- wie Geisteswissenschaften leider nur langsam gefolgt wird. Aber auch von journalistischer Seite würde ich mir ein bisschen mehr Zurückhaltung wünschen, was das Anpreisen von Forschungsergebnissen angeht. Nur weil ein Artikel in einer prominenten Zeitschrift erscheint, heißt das noch lange nicht, dass die Erkenntnisse sich auch als gültig erweisen werden. Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten sollten sich bei der Beurteilung von Forschungsergebnissen nicht primär auf das vermeintliche Renommee der Zeitschriften verlassen, sondern — wo möglich — auch die Zeit investieren, das Begutachtungsverfahren zu verfolgen und zu prüfen, inwiefern eine Studie offen im Sinne der Offenen Wissenschaft ist.

Literatur

Lai, Yunfan (2021): Checking the reviews of Robbeets et al. (2021) (”Transeurasian languages” originated in Northeast China) 看看Robbeets et al (2021)(“泛欧亚语系”起源于中国东北的文章)的审稿意见 [Kànkàn Robbeets et al (2021)(“Fàn ōuyǎ yǔxì” qǐyuán yú zhōngguó dōngběi de wénzhāng) de shěngǎo yìjiàn]. Zhihu. https://zhuanlan.zhihu.com/p/433698910

List, Johann-Mattis and Forkel, Robert (2021): Automated identification of borrowings in multilingual wordlists [version 2; peer review: 4 approved]. Open Research Europe 1.79. 1-11. https://doi.org/10.12688/openreseurope.13843.2

Frank Miedema (2021): Open Science: the Very Idea. Utrecht: Springer.

Alessia Mongelli and Veronica Barbi and Michela Gottardi Zamperla and Sandra Atlante and Luana Forleo and Marialisa Nesta and Massimo Massetti and Alfredo Pontecorvi and Simona Nanni and Antonella Farsetti and Oronzo Catalano and Maurizio Bussotti and Laura Adelaide Dalla Vecchia and Tiziana Bachetti and Fabio Martelli and Maria Teresa La Rovere and Carlo Gaetano (2021): Evidence for biological age acceleration and telomere shortening in COVID-19 Survivors. International Journal of Molecular Sciences 22.11. 6151. https://doi.org/10.3390/ijms22116151

Martine Robbeets and Remco Bouckaert and Matthew Conte and Alexander Savelyev and Tao Li and Deog-Im An and Ken-ichi Shinoda and Yinqiu Cui and Takamune Kawashima and Geonyoung Kim and Junzo Uchiyama and Joanna Doli\’nska and Sofia Oskolskaya and Ken-Y\=ojiro Yamano and Noriko Seguchi and Hirotaka Tomita and Hiroto Takamiya and Hideaki Kanzawa-Kiriyama and Hiroki Oota and Hajime Ishida and Ryosuke Kimura and Takehiro Sato and Jae-Hyun Kim and Bingcong Deng and Rasmus Bj\orn and Seongha Rhee and Kyou-Dong Ahn and Ilya Gruntov and Olga Mazo and John R. Bentley and Ricardo Fernandes and Patrick Roberts and Ilona R. Bausch and Linda Gilaizeau and Minoru Yoneda and Mitsugu Kugai and Raffaela A. Bianco and Fan Zhang and Marie Himmel and Mark J. Hudson and Chao Ning (2021): Triangulation supports agricultural spread of the Transeurasian languages. Nature 599.7886. 616-621.

Starostin, Sergei A. and Dybo, Anna and Mudrak, Oleg (2003): Etymological dictionary of the Altaic Languages. Leiden:Brill.