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kamm

Von dummen Kämmen

Mit großem Interesse habe ich einen Artikel von John McWhorter gelesen, der sich ganz am Rande mit der Geschichte des Wortes dumb im Englischen beschäftigt (McWhorter 2026). Dieses Wort selbst hat ja seine Entsprechung im deutschen Wort tumb, welches jedoch inzwischen fast vollständig von dem jüngeren und wahrscheinlich entlehnten Wort dumm ersetzt wurde. Wie so viele Wörter im Englischen hat auch das Wort dumb eine Aussprache, die der Schreibung nur in Teilen entspricht. Das b am Wortende ist nämlich stumm, es wird nicht ausgesprochen, weshalb das Wort dumb seiner teilverwandten Form dumm im Deutschen in der Aussprache recht ähnlich ist, wenn auch der Vokal ohne Lippenrundung produziert wird.

Den Anlass, sich mit dem Wort dumb auseinanderzusetzen, bietet jemand, dessen Namen auch auf einen bilabialen Plosiv endet, nämlich Donald Trump, der, wie Dale (2026) erklärt, sich in den letzten Monaten stark bemüht hat, den Vokal e im Wort democrat durch ein u zu ersetzen, um dadurch ein mäßig lustiges Wortspiel zu erzeugen, das im Deutschen wohl genauso gut funktionieren würde. Da sich in Deutschland aber alle Parteien, auch die latent undemokratisch gesinnten, als Demokraten ansehen, und keine Partei sich “die Demokraten” nennt, hat das Wort Dummokraten wohl schlechtere Chancen, sich im Deutschen durchzusetzen.

Das Problem der dumocrats des Präsidenten der Vereinigten Staaten besteht nun aber darin, dass es einen ästhetischen Makel aufweist. Das Schriftgefühl will das Wort als solches ungern akzeptieren, da die etymologische Verbindung zu dumb durch das fehlende b am Ende so schwer zu erkennen ist. Wenn man aber dumbokrats schreiben würde, dann würden die Geister der Social Media nutzenden Bevölkerung über eben diese b stolpern, welches nur am Wortende verstummt, aber innerhalb von Wörtern im Englischen nach wie vor ausgesprochen wird.

Um den Sprachwitz in der vom b befreiten Schreibung stärker im Volksgeist zu verankern lässt der Präsident in seiner humorvollen Art laut Dale nun anscheinend keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, das ohnehin kaum jemand in den Vereinigsten Staaten weiß, dass dumb mit einem b am Ende geschrieben wird. Denn wenn dumb jetzt von den Menschen ohnehin in den meisten Fällen als dum geschrieben wird, dann wird auch der Witz über die Dummokraten viel lustiger und kann auf Social Media so richtig durchstarten.

McWhorter weist nur richtig darauf hin, dass den meisten Menschen, die Englisch als erste Sprache gelernt haben, sehr wohl klar ist, dass dumb mit einem b am Ende geschrieben wird, auch wenn sie es nicht aussprechen. Während das b im Wort dumb jedoch durch Sprachwandel am Wortende verschwunden ist, war die Schreibung mit b nach einem m in einsilbigen Wörtern eine gewisse Zeit lang wohl so beliebt, dass das irgendwann verstummte b dann auch anderen Wörtern hinzugefügt wurde, die dieses zuvor gar nicht aufgewiesen hatten. Als Beispiele für diesen Fall von Analogie (List 2019a) in der Schreibung nennt McWhorter Wörter wie thumb “Daumen”, numb “taub (im taktilen Sinne)” und limb “Gliedmaßen”. Für mich war diese Ausführung sehr lehrreich, da ich feststellen musste, dass ich die stummen b-Laute in diesen Wörtern eigentlich immer mit ausgesprochen hatte. Als jemand, der Englisch erst später gelernt hat, weiß ich also nicht nur, dass man dumb mit b am Ende schreibt, ich habe es – zumindest bisher – sogar immer sehr selbstbewusst auch als solches ausgesprochen.

Ob ein Wort, das auf mb im Englischen endet nun ein ursprüngliches aber später verstummtes b aufweist, oder ein ursprünglich nicht vorhandenes, aber später analog hinzugefügtes, kann man, das habe ich auch gelernt, also gar nicht so einfach sagen. Da die b-Laute nach m auch im Deutschen alle verschwunden sind, hilft einem die Kenntnis des modernen Deutschen leider auch wenig. Man muss schon bis ins Althochdeutsche zurückgehen können. Dann kann man zum Beispiel feststellen, dass auch der Kamm – im Englischen comb – einmal auf b auslautete, wie man an Althochdeutsch camb sehen kann.

Was mich an diesen stummen und verstummten b-Lauten am meisten fasziniert hat, ist die Bedeutung, die jemand, der sonst doch so herzlich wenig auf Einzelheiten achtet, den etymologischen Details eines im Großen und Ganzen recht dummen Wortspiels beimessen kann. Klar, wir Menschen nutzen alle irgendwelche Formen von etymologischen Strategien beim Lesen, aber es macht uns auch gar nicht aus, diese bewusst auszuschalten und zu ignorieren. Die Etymologie dominiert unser Sprachhandeln wirklich selten vollständig.

Das ist mir vor allem beim Wort numb, welches McWhorter als Beispiel für die historisch falsche Analogie aufzählt, aufgefallen. Denn ich gehe jetzt mal davon aus, dass kaum jemand bei numb an number denken wird, obwohl sich hier auch ein b in ein Wort eingeschlichen hat, welches dort eigentlich nichts zu suchen hat. Das sieht man ja schon bei der deutschen Entsprechung Nummer. Die number hat im Englischen mit numb aber wirklich gar nichts zu tun. Denn sie wurde aus dem Französischen nombre entlehnt. Hier wiederum ist das b niemals stumm gewesen, sondern als epenthetischer Laut zwischen m und r eingführt worden, wie es sich in vielen anderen Sprachen auch beobachten lässt (List 2019b). Da die Bedeutung von numb und number so weit voneinander entfernt ist, wird keiner auf die Idee kommen, eine Verbindung zwischen den beiden Wörtern zu suchen. Wir sehen die scheinbaren oder tatsächlichen etymologischen Verbindungen immer nur da, wo sie für uns einen Sinn zu machen scheinen. Dass der Sinn in den dumocrats so schwer zu finden ist, spricht am Ende eigentlich um so mehr für die allgemeine Sinnlosigkeit dieses präsidentialen Wortspiels.

Literatur

Dale, Daniel. 2026. “Trump’s ‘dumb’ story makes no sense.”CNN Politics 2026 (06/09). https://edition.cnn.com/2026/09/06/politics/trump-dumb-dumocrat-story-nickname.

List, Johann-Mattis. 2019a. “Morgende und gelber Brei: Analogie und Kontamination im Sprachwandel.”Von Wörtern Und Bäumen 3 (7). https://doi.org/10.58079/vbqb.

List, Johann-Mattis. 2019b. “Wissentschaft und Abenbrot: Einschübe und Aussetzer im Sprachwandel.”Von Wörtern Und Bäumen 3 (6). https://doi.org/10.58079/vbqa.

McWhorter, John. 2026. “Who says reading is dead?”New York Times 2026 (10/09). https://www.nytimes.com/2026/09/10/opinion/closed-captions-streaming.html.

Vom Verteilen von Papier

Es muss, als ich noch sehr klein war, eine Zeit gegeben haben, in der ich sehr viele verschiedene Witze erzählen konnte. Zumindest wird mir das erzählt. Ob diese Witze lustig waren, oder ob ich sie lustig erzählen konnte, weiß ich aber ehrlich gesagt nicht mehr, denn ich habe sie alle vergessen, und generell Probleme, mir Witze egal welcher Art zu merken.

Ein Witz ist mir allerdings vor Kurzem wieder eingefallen, der Witz von den Rollen.

— "Ich habe gehört, Sie arbeiten am Theater?"
— "Ja, ich verteile die Rollen."
— "Ach, das stelle ich mir ja sehr schwierig vor!"
— "Eigentlich gar nicht, auf jedes Klo eine!"

Der Witz ist mir eingefallen, als ich mich nach der Herkunft der Wendung “eine Rolle spielen” im Spanischen erkundigen wollte. Denn im Spanischen — das hatte mich schon immer gewundert — heißt die Rolle, im Sinne der Rolle, die man spielt, papel. Und papel heißt eigentlich “Papier”.

Im Spanischen, das fiel mir damals auf, könnte man den Witz auf ähnliche Art und Weise erzählen, indem man von der Verteilung der papeles spricht, was sowohl die Rolle im Schauspiel, wie auch das Papier im Allgemeinen, oder das Klopapier (papel higienico) im Speziellen einschließt. Da Humor jedoch etwas so Sprachspezifisches ist, dass man als jemand, der eine Sprache erst sehr spät gelernt hat, Witze in der Sprache vielleicht nie wirklich verstehen wird, halte ich mich beim Übersetzen des Rollenwitzes ins Spanische lieber zurück und überlasse ihn der Phantasie anderer.

Das Wort für Papier im Spanischen, papel, wurde anscheinend vom Katalanischen paper entlehnt, welches wiederum auf Lateinisch papyrus zurückgeht, welches ursprünglich aus dem Griechischen entlehnt wurde (Meyer-Lübke 1911: 6218). Über das Französische ist das Papier in dieser Form auch ins Deutsche und Englische gelangt und hat sich in fast allen Sprachen als sehr produktives Konzept erwiesen, das Anlass zu einer Vielzahl unterschiedlicher Bedeutungen gegeben hat (vgl. List 2018 und List 2023 zur Produktivität von Konzepten). Im Deutschen steht das Papier für den Ausweis oder den Fahrzeugschein. Im Französischen und Englischen ist ein papier oder paper auch ein Artikel (und sogar im universitären Kontext in Deutschland wird inzwischen oft nur von Paper, in englischer Aussprache, gesprochen). Im Spanischen schließlich steht papel, das Papier, auch für die Personen in Theaterstücken, die ja auf Papier niedergeschrieben und mittels Papier von Schauspielern gelernt werden mussten, sowie im übertragenen Sinne auch für die Rolle, die einem in einzelnen Spielen des Lebens zukommt (Gomez de Silva 1985: 395).

Im Deutschen wird das Wort Rolle verwendet, um auf die Figur in Theaterstücken oder die Funktion einer Person in einem bestimmten Kontext im übertragenen Sinn hinzuweisen. Rolle selbst kommt wohl aus dem Französischen, das wiederum auf Lateinisch rotula “kleines Rad” zurückgeht, welches eine Verkleinerungsform von Lateinisch rota “Rad” darstellt (Pfeifer 1993: s. v. Rolle). Vom Rädchen kommt man schnell zur Walze, zu einem scheibenförmigen Ding, mit dem man verschiedene Dinge verrichten kann. Die Rolle als Theaterfigur geht auf die erweiterte Bedeutung als “Schriftrolle” zurück, welche auf die frühere Praxis, Papyri aufzurollen, zurückgeht, und somit — wie das Papier im Spanischen — am Ende auch für den Text steht, der einer Person im Theaterstück zugedacht ist, und gesondert niedergeschrieben wurde.

Was auf mich zu Beginn so verwunderlich wirkte, dass man die Rolle im Spanischen vom Papier ableitet, ist eigentlich in Bezug auf die zugrunde liegende lexikalische Motivation gar nicht so unterschiedlich. Es handelt sich beide Male bei der Rolle, die etwas oder jemand spielen kann, ursprünglich um die Texte für individuelle Personen — also Rollen — in Theaterstücken. Da Papier das zentrale Medium ist, auf dem Texte aufgeschrieben werden, ist der Ausgangspunkt für die Bedeutungsübertragung im Spanischen das Medium “Papier” selbst, während wir im Deutschen die aus dem Französischen entlehnte Variante der “Schriftrolle” vorfinden, die als Ausgangspunkt den konkreten Gegenstand hat, den man verwendete, um einen geschriebenen Text zu lesen und zu erlernen.

Die übertragene Bedeutung des Rollenspielens finden wir übrigens in fast allen Sprachen Europas vor, wenn auch, wenn es auch recht viel Variation und individuelle Unterschiede geben kann, wie wir beispielsweile im Englischen sehen können, wo das Wort role mehr und mehr durch das ebenfalls aus dem Französischen entlehnte part ersetzt wird (Harper 2017: s. v. “role”). Während wir die mitunter recht komplexen semantischen Entwicklungen, zu denen das Konzept des Papiers und der Verschriftlichung in den verschiedenen Sprachen Europas und mitunter auch der Welt Anlass gegeben haben, etymologisch meist recht gut aufschlüsseln und exemplarisch nachvollziehen können, hat mich beim Nachdenken über den Theaterrollenwitz erstaunt, wie wenig von dieser so spannenden Entwicklung mir eigentlich selbst — und wahrscheinlich auch vielen anderen Menschen, die Deutsch oder Spanisch sprechen — als Person, die die Sprache spricht, ohne sich mit deren linguistischen Aspekten zu befassen, bewusst ist.

Denn nach allem, was ich dazu aus meiner persönlichen Perspektive sagen kann, scheint es in meinem Kopf keine aktive Verbindung zwischen den zwei Grundbedeutungen der Rolle zu geben, also der Rolle als Gerät, Walze, oder Gegenstand, und der Rolle als Schriftrolle und spezifischem Text einer Bühnenfigur. Der Einsatz von Schriftrollen liegt ja nun schon Jahrhunderte zurück. Ich weiß von Schriftrollen nur über Filme und Bücher, die ich gelesen habe. Im Gegensatz zu unseren neuen Büchern weiß ich nicht, wie sich eine Schriftrolle in den Händen anfühlt, oder wie sie riecht. Als Konzept existiert die Schriftrolle also nur als etwas indirektes in meinem Kopf, von dem ich etwas über Umwege erfahren habe, ganz im Gegensatz zur Klopapierrolle, die ja auch wieder eine Rolle aus Papier ist, auf der aber nur selten lange Texte stehen.

Wenn ich von der Rollenverteilung im Theater höre, denke ich nicht an die profane Klopapierrolle, und vielleicht ist das auch der Grund, warum der Witz als solcher im Deutschen möglich ist. Wie es sich für Menschen, die Spanisch als erste Sprache gelernt haben, verhält, ist schwer für mich zu sagen. Denken sie an das Papier, wenn sie von der Rolle sprechen, die einem Spieler in einer Mannschaft zugedacht wurde? Es ist auf jeden Fall gut möglich, dass auch hier die beiden Konzepte, die von dem gleichen Wort ausgedrückt und — wie man in der Linguistik heutzutage sagt — kolexifiziert werden, schon so weit auseinanderliegen, dass es den Menschen gar nicht bewusst ist, dass sie eine gemeinsame Geschichte teilen.

In der Linguistik gehen wir traditionell davon aus, dass ein Wort polysem, also mehrdeutig, ist, wenn es mehrere einander ähnelnde Konzepte ausdrückt, und dass zwei Wörter gleich klingen, also homophon sind, wenn sie unterschiedliche Konzepte ausdrücken (Enfield 2015: 21). Die Ähnlichkeit oder Unterschiedlichkeit wird dabei meist historisch festgemacht: Wenn zwei Konzepte, wie im Falle der zwei Grundbedeutungen des Wortes Rolle im Deutschen, historisch auseinander entstanden sind, spricht man von Polysemie. Wenn die Wörter jedoch durch Lautwandel nur zufällig sich so verändert haben, dass sie nun gleich klingen, dann spricht man von Homophonie (Rodd et al. 2002).

Es scheint jedoch, dass diese Unterscheidung nicht wirklich hilfreich ist, und wir viel mehr von unterschiedlichen Schattierungen der Polysemie sprechen sollten. Kognitiv, also in Bezug auf das, was viele Menschen wahrnehmen, wäre die Rolle als Gegenstand dann homophon zur Rolle im Theater. Es wären also zwei Wörter, die aus Sicht derer, die sprechen, nur zufällig gleich klingen. Historisch gesehen wäre das Wort Rolle aber polysem. Auf diese Weise könnte man viel klarer unterscheiden, welche Ebene man annimmt, wenn man von Mehrdeutigkeit spricht. Für den Witz von der Rollenverteilung ist das natürlich bedeutungslos. Den findet man entweder lustig, oder nicht.

Literatur

Enfield, N. J. and Comrie, Bernard (2015): . Berlin and New York:Mouton de Gruyter.

Gómez de Silva, Guido (1985): Elsevier’s concise Spanish etymological dictionary. . .

List, Johann-Mattis (2018): Von Wortfamilien und promiskuitiven Wörtern [Of word families and promiscuous words]. Von Wörtern und Bäumen 2.10. .

List, Johann-Mattis (2023): Inference of Partial Colexifications from Multilingual Wordlists. arXiv 2023.1. 1-19. [Preprint, under review, not peer-reviewed]

Meyer-Lübke, Wilhelm (1911): Romanisches etymologisches Wörterbuch. Heidelberg:Winter.

Harper, Douglas (ed.) (2017): Online Etymology Dictionary. https://www.etymonline.com/.

Pfeifer, Wolfgang (1993): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen [Etymological dictionary of German]. Berlin:Akademie.

Jennifer Rodd and Gareth Gaskell and William Marslen-Wilson (2002): Making Sense of Semantic Ambiguity: Semantic Competition in Lexical Access. Journal of Memory and Language 46.2. 245-266.

 

Von aufgeschnappten Uhühnern

Wenn ich etwas auf Twitter lese, dann fühle ich mich manchmal so, als hätte ich ein Gespräch auf dem Flur oder in der Straße ungewollt mitgehört. Diese ungewollt mitgehörten Kommentare sind entweder ungewollt komisch, oder sie sind — wie inzwischen für Twitterkommentare ja typisch — so feindlich und rechthaberisch, dass sie einfach auf der Straße besser aufgehoben wären, wo sie einmal gesagt vom Winde verweht würden, als in einem bleibenden Medium, auf dem sich Promis und jede Menge Politik- und Wissenschaftbetreibende herumtummeln.

Ein solcher Kommentar, den ich so schnell nicht vergessen konnte, bezog sich auf das Etymologisieren und wurde — wen wundert es — von einem Vertreter der Linguistik verfasst, der von einem überhörten Gespräch zwischen zwei Laien berichtete, die falsch vor sich hin etymologisiert hätten. Die Moral von der Geschichte — Twitterkommentare haben ja häufig eine Moral — war dann, dass man das Etymologisieren doch besser den Profis überlassen sollte.

Dass man beim Etymologisieren schnell in Fettnäpfchen treten kann, ist in der Linguistik hinreichend bekannt und ausreichend diskutiert worden. Schon zu Beginn des Studiums der vergleichenden Sprachwissenschaft wird man normalerweise davor gewarnt, mit spekulativen Wortgleichungen doch bitte sehr vorsichtig zu sein. Insbesondere wird immer und immer wieder betont, wie wichtig die Gesetzmäßigkeit der Lautkorrespondenzen doch sei, wenn es um die Etymologie ginge, und dass man dieser bei der Beurteilung, ob zwei Wörter nun historisch verwandt seien, unbedingt den Vorzug vor der so flattrigen Semantik geben müsse. Semantisch nahezu gegensätzliche Wortpaare wie Englisch silly und Deutsch selig seien ja nun erwiesenermaßen verwandt (Szemerenyi 1970), wogegen Fälle wie Spanish mucho und Englisch much typische falsche Bekannte seien, vor denen man sich gefälligst zu hüten habe.

Es ist klar, dass man sich dieses Wissen um den Nachweis der historischen Verwandtschaft von Wörtern aktiv aneignen muss, indem man sich mit den Phänomenen des Sprachwandels und der individuellen Grammatik der Sprachen, die man erforschen will, intensiv auseinandersetzt. Weniger klar ist oft jedoch, wie gut wir eigentlich als Wissenschaft Betreibende in der Lage sind, dieses Wissen transparent wiederzugeben und zu vermitteln. Denn nicht zuletzt gibt es ja in unseren eigenen Reihen nicht wenige ausgebildete Linguistinnen und Linguisten, die sich hemmungslos Spekulationen hingeben, was sich vor allem an Debatten um spekulative Sprachfamilien zeigt. So ist die Forschungsgemeinschaft in Bezug auf das Altaische (oder “Transeurasische”) maximal gespalten, und wir finden einige, die die Verwandtschaft von Sprachen wie Türkisch, Japanisch, Koreanisch, Mongolisch, und Mandschurisch befürworten (Starostin et al. 2003) und andere, die deren Verwandtschaft vehement ablehnen (Tian et al. 2022). Beide Lager werfen sich gegenseitig vor, unwissenschaftlich zu arbeiten, und da wir noch weit davon entfernt sind, unsere Methoden so objektiv zu gestalten, dass Etymologien ohne Zweifel abgewiesen oder belegt werden können, zeigt sich die historische Linguistik in dieser Debatte von einer ihrer hässlicheren Seiten: an Stelle sachlicher Diskussion sind inzwischen oft aggressive Beleidigungen getreten, wie man an einer Vielzahl von meist kommentarhaften Artikeln, die in den letzten Jahren geschrieben wurden, sehen kann.

Dass wir vor diesem Hintergrund Menschen kritisieren und belächeln, die ohne viel linguistisches Hintergrundwissen Volksetymologie betreiben, scheint mir nicht immer angemessen zu sein. Klar sollte man Fälle falscher Etymologien aufklären, vor allem wenn sie politisch missbraucht werden (was allerdings nicht so häufig vorkommt). Schön wäre es auch, wenn die Technik der Erstellung von Etymologien in der Öffentlichkeit klarer erklärt würde. Aber ein wenig Demut in Bezug auf die Grenzen unserer eigenen Methoden wäre meiner Ansicht nach auch wichtig, nicht nur, um einen freundlicheren Umgang mit Nichtlinguisten zu fördern, sondern auch um die Schwächen unserer eigenen Methoden klarer zu benennen und daran zu arbeiten, sie zu beheben.

Denn während wir uns in Bezug auf den Lautwandel selbst und die in diesem Zusammenhang identifizierten Lautgesetze mancher Etymologien tatsächlich sehr sicher sein können, so ist es uns bis heute nicht gelungen, das Vertrauen, das wir in unsere Etymologien haben, ausreichend transparent zu repräsentieren. Stattdessen reihen etymologische Wörterbücher meist einfach Etymologie an Etymologie, ohne klar zu trennen zwischen solchen Etymologien, die klar anerkannt sind und kaum angezweifelt werden können, und solchen Etymologien, die umstritten und vielleicht sogar ein wenig spekulativ sind.

Von letzteren Etymologien gibt es gar nicht so wenige, wie man in der historischen Linguistik gern glauben wollte. Vor allen in den Fällen, wo die Wortgleichungen nicht mehr allein durch regelmäßigen Lautwandel erklärt werden können, sondern nur mit Hilfe sogenanner morphologischer Prozesse, welche die Wortbildung betreffen, die ja sehr ungewöhnliche und idiosynkratische Prozesse durchlaufen kann, ist es am Ende manchmal wirklich schwierig Profi- von Laienetymologien zu trennen. Am deutlichsten wird das bei Namen, sei es nun von Menschen, Tieren, oder Orten. Denn genauso wie wir uns im Alltag die Freiheit geben, aus Namen wie Michaela Ela zu machen, oder aus Osnabrück Osna, und aus Mallorca Malle, so kann es natürlich auch sein, dass wir in manchen Fällen, die wir etymologisch erschließen wollen, auf unglaublich idiosynkratische, sprachspezifische und nicht auf allgemeine Gesetze rückführbare Prozesse stoßen, die es unmöglich machen, die “wahre Etymologie” zu finden.

Das Einzige, was uns in solchen Fällen leiten kann, ist unser Wissen um die gängigen Wortbildungsprozesse in den Sprachen, mit denen wir uns beschäftigen. Diese werden dominiert von zwei Aspekten: gängigen Operationen, die man auf Wörter anwendet und dem allgemeinen “Wohlklang” der neuen Wörter, die aus diesen Operationen resultieren. Letzteres wird auch Phonotaktik genannt in der Linguistik, wobei jede Sprache ihre individuelle Phonotaktik hat, welche die, die die Sprache sprechen, intuitiv beherrschen. Obwohl sich individuelle Intuitionen mitunter voneinander unterscheiden können, sind die individuellen Unterschiede zwischen den Sprechern derselben Sprache meist viel geringer als die zwischen Sprechern unterschiedlicher Sprachen.

Wer das Deutsche nicht kennt, wird es daher vielleicht ungewöhnlich finden, wenn aus Namen wie Matthias Matze wird, genauso wie jemand, der das Spanische nicht kennt, sich wundern mag, wieso aus dem Namen Alejandro Ale wird. Denn entscheidend für die Wandlung der Wörter, die sich nicht nur “lautgesetzlich” wandeln, sondern zum Teil auch bewusst, durch Menschen, die ihre eigene Sprachästhetik zugrunde legen, ist immer auch der Klang in der Zielsprache, und wie gut er sich mit der Phonotaktik, also den allgemeinen Regeln, die die Struktur dieses Klangs festlegen, verträgt. Während Ale im Deutschen komisch klingt und sich auch komisch liest, vor allem, wenn man die spanische Aussprache mit relativ langem a und e zugrunde liegt, ist der Klang für die Spanische Sprache, in der Spitznamen meist zweisilbig sind und auf eine offene Silbe enden, ganz normal.

Einzelsprachwissen kann in schwierigen Fällen von Etymologien daher den Unterschied ausmachen zwischen Experten und Laien. Wer eine Sprache richtig gut kennt, sowohl in Bezug auf ihren Klang als auch in Bezug auf allgemeine Regeln, kann in vielen Fällen schnell beurteilen, ob bestimmte etymologische Wortvergleiche sinnvoll sind oder nicht. Wenn man eine Sprache hingegen nur aus Wörterbüchern kennt und einzelne Wörter aus diesen herauspickt und wild mit den Wörtern anderer Sprachen vergleicht, nur um einen gemeinsamen Ursprung aus den Wörtern abzuleiten, dann kann dies rasch zu peinlichen Laienfehlern führen.

Diese Fehler entstehen immer besonders dann, wenn man die semantische Seite ignoriert und bereit ist, Wörter nur in Teilen zu vergleichen und andere Teile bewusst zu ignorieren. Sie lassen sich durch die gesamte Geschichte der Sprachwissenschaft beobachten, angefangen von den vorwissenschaftlichen Etymologien bis hin zu den Etymologien gestandener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich zu weit aus dem Fenster wagen, um tieferere Einblicke in die Geschichten unserer Sprachen zu erlangen.

Wer ohne Hintergrundwissen zum Deutschen zum Beispiel das Wort Huhn (Lautschrift [h uː n]) mit dem Wort Uhu (in Lautschrift [uː h uː]) vergleicht, der könnte leicht auf die Idee kommen, dass wir es hier mit zwei innerhalb des Deutschen selbst verwandten Wörtern zu tun haben, die sich sogar in Bezug auf ihre Bedeutung zu ähneln scheinen (beides sind schließlich Vögel). Man muss ja nur das U- am Anfang vom Uhu als unbekanntes Präfix abtun und dann noch erklären, dass das -n im Huhn auf unbekannte Weise verschwunden ist.

Wem das grotesk vorkommt, der sei an andere Beispiele erinnert, die ich an andere Stelle besprochen habe (List 2021). Da unsere Sprachen von sehr ähnlichem Material wiederholt Gebrauch machen, ist es nicht verwunderlich, dass sich Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Wörtern derselben Sprache wie auch zwischen einzelnen Wörtern unterschiedlicher Sprachen eigentlich immer finden lassen. Gerade weil wir als Menschen so gut darin sind, Muster selbst dort zu entdecken, wo keine sind, ist es daher so verführerisch, sich im Sprachvergleich zu verlieren und immer mehr Muster anzuhäufen, die der eigenen Theorie entsprechen, während man gleichzeitig alle Gegenbeispiele fleißig ignoriert.

Da es in der Linguistik selten vorkommt, dass eine Person wirklich alle Sprachen, die sie in ihre Untersuchungen einbezieht, ausgezeichnet beherrscht, ist es daher nicht verwunderlich, dass fehlendes einzelsprachliches Wissen mit am häufigsten kritisiert wird, wenn Menschen waghalsige Theorien zur tiefen Verwandtschaft bestimmter Sprachfamilien aufstellen. Wenn man sich mit Wortvergleichen nicht vorsichtig zurückhält und sich vorrangig auf gut belegbare Lautkorrespondenzen stützt, dann werden Profis schnell zu Laien und machen Uhus zu Uhühnern. Solange dies auch in den Reihen der Linguistikbetreibenden selbst vorkommt, sollte man Menschen, die aus Freude am Strukturenfinden komische Wortvergleiche aufstellen vielleicht mit ein wenig mehr Langmut behandeln.

Literatur

List, Johann-Mattis (2021): Wer suchet, der findet: Über die Entdeckung von Mustern [Those who search will find: On the detection of structures]. Von Wörtern und Bäumen 5.1. https://wub.hypotheses.org/1258

Starostin, Sergei A. and Dybo, Anna and Mudrak, Oleg (2003): Etymological dictionary of the Altaic Languages. Leiden: Brill.

Szemerényi, Oswald (1970): Einführung in die vergleichende Sprachwissenschaft. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Tian, Zheng and Tao, Yuxin and Zhu, Kongyang and Jacques, Guillaume and Ryder, Robin J. and de la Fuente, José Andrés Alonso and Antonov, Anton and Xia, Ziyang and Zhang, Yuxuan and Ji, Xiaoyan and Ren, Xiaoying and He, Guanglin and Guo, Jianxin and Wang, Rui and Yang, Xiaomin and Zhao, Jing and Xu, Dan and Gray, Russell D. and Zhang, Menghan and Wen, Shaoqing and Wang, Chuan-Chao and Pellard, Thomas (2022): Triangulation fails when neither linguistic, genetic, nor archaeological data support the Transeurasian narrative. bioRxiv . DOI: 10.1101/2022.06.09.495471