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Von privaten Sphären

Lange Zeit war das, was man Menschen im Vertrauen berichtete, etwas, das mit relativ großer Wahrscheinlichkeit vertraulich bleiben würde. Klar, Vertrauen konnte missbraucht, Dinge weitergesagt werden, Gerüchte konnten so entstehen, die dann ein Eigenleben entwickelten und mitunter schwer einzufangen waren. Aber da Gerüchte im Zweifelsfall auch einfach vehement bestritten werden können, konnte man sich doch immer darauf verlassen, dass das, was man einer anderen Person mitteilt, relativ schwer nach außen dringt.

Eine erste Ausnahme in diesem Zusammenhang stellten die Emails und später die Chatnachrichten dar, die ja viel schneller geschrieben werden, aber sich dummerweise nicht so ephemerisch verhalten, wie gesprochene Sprache. Sie bleiben ja digital erhalten, in den meisten Fällen, man kann sie kopieren, vervielfältigen, und weiterleiten. Dennoch behandeln wir Email- und Chatnachrichten als etwas Vertrauliches. Es kommt eben einfach viel zu selten vor, dass jemand, dem ich persönliche Ansichten oder vertrauliche Gedanken schicke, diese einfach so nach draußen ausposaunt. Wenn man jemandem nicht explizit schaden möchte, dann lässt man die Emails oder Textnachrichten, die man von dieser Person bekommen hat, da, wo sie sind, im scheinbar vertrauten, scheinbar privaten digitalen Raum.

Diese minimale Privatsphäre, die uns unser Kommunikationsverhalten lange Zeit geboten hat, wird nun von einer für mich gänzlich unerwarteten Seite aufgerissen. Dabei geht es gar nicht prinzipiell um einen aktiven Vertrauensbruch meiner Kommunikationspartner, der als solcher bewusst gewollt gewesen wäre. Es geht darum, dass mehr und mehr Menschen begonnen haben, ihr Innerstes, ihre Emails, ihre Chatnachrichten, auch ihre Ansichten, digital nach Außen zu kehren, ohne sich darüber wirklich im Klaren zu sein. Es geht um Menschen, die Chatbots Zugriff auf ihre Daten erlauben.

Denn wenn ich mit einem Chatbot mein Leben oder meine beruflichen Angelegenheiten durchspreche und dabei Namen nenne, wenn ich den Maschinen mitunter Zugriff auf mein Emailkonto oder meine Chatkonten erteile, damit sie mir “helfen”, mein Leben im Digitalen zu bewältigen, dann gebe ich einer Instanz außerhalb meiner selbst Zugriff auf mein Innerstes. Aber da mein Innerstes ja aufgrund des Pakts der Vertraulichkeit, der im Digitalen jahrzehntelang gehalten hat, auch Einblicke in das Innerste anderer Menschen erlaubt, öffne ich, wenn ich Chatbots erlaube, meine Emails zu lesen und mitunter sogar zu beantworten, den Maschinen Zugang in Teile der Privatsphäre anderer Menschen.

Das heißt, dass meine eigene Privatsphäre – die ich von Chatbots fernhalte, so gut es nur geht – ohne mein Zutun von Chatbots aufgesaugt werden kann, nämlich dann, wenn andere ihre Privatsphäre, inklusive dessen, was ich ihnen privat und vertraulich geschrieben habe, gedankenlos mit diesen Chatbots teilen. Wir können hier sehen, wer einen Dritten in seinen Kopf lässt, oder an sein Emailpostfach, der öffnet eben diesem Dritten auch die Tür zu dem, was andere ihnen offenbart haben.

Leider scheint den meisten Powernutzern von Chatbots gar nicht klar zu sein, was sie tun, wenn sie Chatbots vollständigen Zugriff auf ihre Daten geben. Ich war verblüfft von der Naivität, die der Fall von Bucher (2026) offenbarte, der berichtete, die Arbeit von zwei Jahren verloren zu haben, als er versehentlich eine Einstellung bei Chat-GPT änderte, die dazu führte, dass die Kopiermaschine keinen Zugriff auf seine Daten mehr hatte, die anscheinend nahezu alles, was er gedanklich produzierte eingeschlossen hatten, was von Aufgaben für Studierende bis hin zu Forschungsanträgen reichte. Während ich mich einerseits köstlich amüsiert habe, wie Buchers Naivität von Collier (n.d.) aufs Korn genommen wurde, wurde mir erst später klar, dass diese Öffnung der privaten Datensphäre ja eben nicht nur Konsequenzen für einen selbst hat, sondern auch für alle die, die in dieser Datensphäre vorkommen.

Ich bekomme sehr häufig Nachrichten zugesandt, die explizit als “vertraulich” bezeichnet werden. Da geht es um Forschungsanträge, die nur ich lesen soll, da ich eingeladen wurde, sie zu begutachten. Es geht um Informationen zu Finanzen unseres Lehrstuhls, um interne Angelegenheiten unserer Universität, und manchmal geht es auch einfach darum, dass ich jemand bei mir über jemand anderen beschwert. Ich kann es nach wie vor nicht verstehen, wie man einem Chatbot-Programm, dessen Daten irgendwo weit weg gehostet und von einem skrupellosen Tech-Konzern verwaltet werden, einfach so zukommen lassen kann. Zwar wird von den Konzernen meist zugestanden, die Daten nicht fürs Training zu benutzen, und eine bestimmte Privatheit zu garantieren. Aber was nicht beachtet wird, ist, das sogar wenn diese Versprechen wahr wären, ich selbst meine Zustimmung ja niemals erteilt hatte, dass Menschen, denen ich Emails schreibe, diese an ihre Zweitgehirne auslagern dürfen.

Es kommt immer häufiger vor, dass mir Emails geschrieben werden, bei denen ich merke, dass etwas faul ist. Da schreibt jemand plötzlich viel mehr als sonst (was nicht heißen muss, dass die Inhalte tiefer werden), oder es mischt sich das typische Chatbot-Blabla ein, das man immer besser zu erkennen lernt. In diesen Situationen denke ich einerseits gern an das wunderschöne Zitat von Marina Weisband, die sich fragt, warum sie sich “die Mühe machen [sollte], einen Text zu lesen, von dem sich niemand die Mühe gemacht hat, ihn zu schreiben” (Weisband 2026). Andererseits frage ich mich jetzt immer auch vermehrt, ob ich überhaupt noch mit diesen Menschen kommunizieren soll. Denn ich will nicht, dass man das, was ich in dieser privaten Sphäre der Emailkommunikation äußere, ohne Nachfrage und Reflektion mit Dritten geteilt wird. Ich hab keine Lust, dass das, was ich sprachlich und gedanklich produziere, zum Training von Chatbots verwendet wird, und es diesen womöglich noch erlaubt, ein spezifisches Profil von mir zu entwickeln, das so niemanden außer mir selbst etwas angeht.

Der Fall des Mathematikers Tristan Buckmaster, der an den Navier-Stokes-Gleichungen forschte, bevor OpenAI verkündete, diese mit Hilfe einer KI gelöst zu haben, zeigt hier auf interessante Weise, was passieren kann, wenn man Informationen mit Chatbots teilt. Wie Chang (2026) berichtet, hatte Buckmaster neue Ansätze zur Lösung des Problems entwickelt, dem er einen Großteil seiner Laufbahn als Forscher gewidmet hatte. Da er jedoch KI-Tools der Firmen OpenAI und Anthropic in seiner Arbeit verwendete, vermutete er, als OpenAI die Lösung verkündete, dass seine Ideen – ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in die Lösung miteingeflossen waren, ohne dass er sie vorher veröffentlich hatte (ibid.).

Es passt, dass die Deklaration zu Mathematik und KI, die von führenden Mathematikern unterschrieben wurde, im Zusammenhang mit von Sprachmodellen erzeugten Beweisen explizit von Plagiaten spricht (Avila et al. 2026). Da prinzipiell alles, was mit Chatbots geteilt wird, auch in das Training der Sprachmodelle fließen kann, da die Daten ja immer digital übertragen und auch als solche gespeichert werden, reicht es nicht, wenn OpenAI oder Anthropic versichern, die Daten nicht anzurühren. Der Verdacht wird immer mitschwingen, dass das, was wir im Digitalen produzieren, irgendwann bei diesen Maschinen landet, egal, ob direkt, weil auch Wissenschaftler leider gern ihr Gehirn ausschalten und ihr Leben mit Chatbots teilen, oder indirekt, weil Wissenschaftler ihre Daten vertraulich mit Menschen geteilt haben, die das Vertrauen missbrauchen und Chatprogrammen Zugriff auf die Daten geben.

Es wird ja viel darüber geredet, dass KI reguliert werden müsste, dass die Wissenschaft neue Wege finden muss, um zu bewerten, wie generierte Texte in wissenschaftlichen Arbeiten bewertet werden sollen. Auch die Privatsphäre spielt ja scheinbar in vielen Debatten insbesondere in Deutschland immer wieder eine wichtige Rolle. Wenn es aber möglich ist, dass Teile meiner Privatsphäre an Großkonzerne geliefert werden, weil Menschen, die ihr digitales Leben nahezu vollständig entkleiden, meine Daten gleich mitliefern, dann muss die Idee von Privatheit im digitalen Raum vollkommen neu überdacht werden.

Literatur

Avila, Artur, Manjul Bhargava, Caucher Birkar, et al. 2026. “A severe misalignment of AI in mathematics.” Online Declaration. https://mathandai.org/.

Bucher, Marcel. 2026. “When two years of academic work vanished with a single click.” Nature Career Column 2026 (22/01). https://doi.org/10.1038/d41586-025-04064-7.

Chang, Kenneth. 2026. “An N.Y.U. mathematician clashed with OpenAI over a $1 million proof.” New York Times 2026 (10/09). https://www.nytimes.com/2026/09/10/science/tristan-buckmaster-openai-math-navier-stokes.html.

Collier, Angela. n.d. “A cautionary tale. This is what ChatGPT does to your brain.” Video; YouTube. https://www.youtube.com/watch?v=7pqF90rstZQ.

Weisband, Marina. 2026. “Strom, Wasser, Macht: Können wir uns dem KI-Wettrennen entziehen?” Podcast; Steady Page. https://steady.page/de/wind-und-wurzeln/posts/27156547-a0ac-4955-b5fc-a0f65ac9a208.

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Sprachgrenzen

Der KI-Boom hat etwas bewirkt, das man so nicht zwangsläufig hätte erwarten müssen. Er hat der menschlichen Sprache einen Boom beschert, nachdem diese durch den Boom von Internet und Onlinemedien mehr und mehr Marktanteile an andere Formen der Kommunikation verloren hatte. Diese Einschätzung mag so erst mal verblüffend klingen, und sie ist sicher auch ein bisschen überspitzt formuliert, ich halte sie aber dennoch für weitestgehend korrekt. Sprache ist nicht das einzige Mittel, mit dem Menschen kommunizieren können. Sie ist auch nicht das einzige Mittel, mit dem wir Wissen übermitteln oder konservieren können. Sprache steckt in fast allem, was uns Menschen und wie wir kommunizieren ausmacht, irgendwo drin, dies heißt jedoch nicht, dass Sprache immer auch die Alleinherrscherin ist, wenn es die Wahl der Kommunikationsmittel in bestimmten Situationen geht.

So stand Sprache bei Fragen der Beschreibung der Umgebung eigentlich schon immer in Konkurrenz mit dem Bild. Je einfacher es die Technik machte, diese Bilder zu produzieren, desto mehr wurde die Sprache aus der Beschreibung der Umgebung verdrängt, und desto weniger spielt Sprache auch in unserer alltäglichen Kommunikation eine Rolle, wenn es darum geht, anderen zu erzählen, was wir sehen. Wir brauchen die Fähigkeit, den Stuck an einer Zimmerdecke so genau zu beschreiben, dass jeder sich ein Bild davon machen kann, einfach nicht, mehr, wo wir doch jederzeit unser Handy aus der Tasche holen können, um ein Bild davon per Messenger zu versenden.

Dass Sprache hier zurückgedrängt worden ist, zeigt sich auch beim Fußball, der in den 1950ern noch vorwiegend gehört wurde, und inzwischen nur noch gesehen wird. Wer das Spiel für andere kommentiert, muss nicht mehr mit Sprache beschreiben, wo der Ball langfliegt, sondern kann sich darauf verlassen, dass die meisten, die zuschauen, das selbst sehen können. Dadurch verliert die Kunst, Flugbahnen von Bällen, Körperteilkarambolagen bei Fouls, oder Fußbewegungen beim Dribbling so in Worte zu fassen, dass andere sich davon ein Bild machen können, ihr Gnadenbrot.

Einer der für mich auffälligsten Punkte zeigt sich aber in der Rolle, die Sprache als Vermittlerin von Spezialwissen gespielt hat. Als ich — wie ich in einem früheren Beitrag bereits beschrieben habe (List 2021) — mit etwa 12 Jahren begeistert anfing zu zaubern und wenig später auch zu jonglieren, da musste ich mir die Techniken, mit deren Hilfe man Bälle in der Luft hält und Seidentücher verschwinden lässt, mühsam aus Büchern anlesen. Videos konnte man kaufen, sie waren aber teuer, und wir hatten lange Zeit gar kein Videogerät. Auch gab es einfach wenig Auswahl an visuell aufbereiteter Information, die zeigt, wie man Tücher in Plastikdaumen steckt, ohne dass diese vom Publikum gesehen werden, oder wie man drei Bälle in der einen und zwei in der anderen Hand halten muss, um die Jonglage mit fünf Bällen zu erlernen.

Klar hatten die Zauber- und Jonglierbücher, die ich damals las, zuweilen Bilder, die der Sprache die Präzision verleihen sollten, an der es ihr schon immer gemangelt hat, aber allzuoft war man auf die Beschreibung angewiesen, konnte das Problem ohne aufmerksames, vor allem langsames Lesen – ähnlich dem langsamen Denken, welches Kahneman (2011) dem schnellen Denken gegenüberstellt, gar nicht lösen (vgl. zum vertieften Lesen Wolf and Barzillai 2009).

Wenn man Tricks lernen wollte, sei es beim Jonglieren oder Zaubern, musste man sich daher entweder auf andere verlassen, die einem live vormachen konnte, wie man bestimmte Bewegungen ausführen musste, oder man machte sich an die mühsame Arbeit, Sprache in Bewegung zu übersetzen. Diese umfasste dabei nicht nur die Umsetzung von sprachlichen Beschreibungen in Bewegungen, sondern bediente sich dabei oftmals auch eines Spezialvokabulars, welches in den Büchern eingeführt wurde, um leicht mit Sprache Bewegung modellieren zu können. So spricht man vom Palmieren, wenn man Gegenstände für die Zuschauer unsichtber in der Hand verbirgt, man unterscheidet die Kaskade als Grundmuster der Jonglage von ungeraden Gegenstandszahlen von Säulen als Grundmuster von geraden, oder man forciert die Wahl einer Karte, wenn man Kartentricks ausführt, die ich zwar auch fleißig geübt habe, aber eigentlich immer ermüdend und langweilig fand.

Sprache diente in diesen Fällen nicht nur als Mittel der Kommunikation, sondern in gewisser Weise auch als komplexer Wissensspeicher, welcher grundlegendes Wissen um kulturelle Praktiken – Jonglage und Zauberei – verwahrt. Um auf das Wissen in diesem Speicher zuzugreifen, muss man in der Lage sein, sich dort zurechtzufinden. Man muss Zugriff auf den Kode haben, der selbst auf menschlicher Sprache aufbaut, diese aber zu einer Fachsprache erweitert.

Wenn man auf Jongliermuster mit Hilfe von Videos zurückgreifen kann, braucht man diesen spezifischen Kode nur noch in Teilen. Man kann die Namen für bestimmte Tricks nutzen, um die Videos leichter auffindbar zu machen, oder man kann in den Videos selbst mit Hilfe von gesprochener Sprache kommentieren, was man tut. Wie beim Fußballkommentar im Fernsehen, muss dieser Kommentar aber viel weniger komplex sein, als der Kommentar, der nicht auf bewegten Bildern aufbauen kann.

Die Sprache, mit der Jongliermuster oder Zaubertricks beschrieben werden, kann als speziell bezeichnet werden, da sie kulturelle Praktiken betrifft, die von sehr wenigen Menschen betrieben werden. In anderen Bereichen, wie der Musik oder der bildenden oder darstellenden Kunst, hat sich durch die größere Zahl an Partizipanten die Sprache, die zur Beschreibung verwendet wird, sicher viel klarer formalisieren können.

Aber auch hier gehe ich davon aus, dass die Verfügbarkeit von bewegten Bildern als Erweiterung der Kommunikation auf Dauer einen drastischen Einfluss auf die Sprache haben wird, mit der wir über das sprechen, was wir tun. Genauso wie es viel einfacher ist, eine Landkarte aufzuzeichnen und auf diese zu zeigen, um zu beschreiben, wie man sich in der Welt bewegt, oder wo welcher Ort liegt, so sind bewegte Bilder, die man bei Bedarf noch um Hinweise ergänzt (auch in sprachlicher Form, durch Schrift zum Beispiel), doch einfach viel besser geeignet, Bewegungen detailgetreu zu beschreiben, als unsere menschliche Sprache, egal wie gut man sie beherrschen mag.

Die menschliche Sprache mag faszinierend sein, weil sie eine flexible Kommunikation ermöglicht, die anderen Formen der Kommunikation, die vor allem im Tierreich gebräuchlich sind, weit überlegen ist. Sie hat jedoch wie vielleicht jedes Kommunikationsmittel auch ihre spezifischen Grenze. Sprache als solche, also als dieses spezifisch menschliche, auf Symbolen aufbauende Kommunikationsmittel, ist nicht an sich allen anderen Formen der Kommunikation überlegen. Die Sprache passt sich, als das urmenschliche Kommunikationsmittel, das sie ist, vielmehr an unsere Kommunikationsbedürfnisse an, wird von uns angepasst, erweitert und auch modifiziert, um spezifischen Bedürfnissen gerecht zu werden.

Ein Beispiel für diese Erweiterung der Sprache durch die menschliche Kommunikation stellen die Zahlensysteme dar, die in vielen Sprachen vorkommen, aber nicht für das Funktionieren einer Sprache entscheidend sind. Wenn eine Sprache ein voll entwickeltes Zahlensystem hat, das den Menschen das Zählen bis 100 oder höher ermöglicht, dann weist dieses Zahlensystem immer auch grundlegende Eigenschaften auf, die für Sprache an sich nicht entscheidend sind. Dazu gehört zum einen eine oftmals sehr strikte Kompositionalität, die es erlaubt, höhere Zahlen durch die Kombination niedrigerer Zahlen auszudrucken. Zum anderen gehört dazu das Prinzip der Distinktivität (vgl. Rubehn et al. 2025). Dieses führt dazu, dass keine zwei unterschiedlichen Zahlen jemals durch die gleiche Wortform ausgedrückt werden. Dieses Prinzip ist wichtig, da es natürlich zu mathematischen Problemen führen könnte, wenn Menschen mit Sprachen verhandeln, in denen das Wort für fünf mit dem Wort für fünfzig identisch ist. In keiner Sprache, die ein vollwertiges Zahlensystem aufweist, gibt es also Ambiguitäten zwischen Zahlenwörtern, obwohl das Prinzip der Ambiguität ansosten einen sehr wichtigen Aspekt von Kommunikationssystemen darstellt, der wichtig für deren Flexibilität ist (Fröhlich et al. 2025). Um Zahlen in exakter Weise in der Kommunikation verwenden zu können, wurden Zahlensysteme also in viele menschliche Sprachen integriert, die Grundeigenschaften der Sprache wurden dadurch jedoch für den spezifischen Bereich der Zahlensysteme modifizert.

Die Großen Sprachmodelle, welche die Spitze der Computeranwendungen zur künstlichen Intelligenz stehen und den Menschen versprechen, praktische alle Probleme lösen zu können, die sich ihnen stellen mögen, basieren primär auf der Idee, dass man mit Sprache jetzt das tun kann, wofür man vorher Spezialwissen brauchte. Wer malen wollte, musste sich mit Anatomie, Pinselstrichen, und Farbkombinationen beschäftigen, wer Musik machen wollte, musste sich mit Noten, Instrumente und Musiktheorie beschäftigen, wer programmieren wollte, musste Programmiersprachen und algorithmische Problemlösung kennen. Das Versprechen der Tech-Industrie, mit dem KI beworben wird, besteht meist darin, dass man all dies nicht mehr können muss, um trotzdem Bilder, Musik, oder Computerprogramme zu erzeugen. Es wird sogar von einer Demokratisierung gesprochen, weil endlich alle Menschen komponieren, malen und programmieren können, während dies vorher nur den privilegierten vorbehalten war, die die Ressourcen hatten, diese Fähigkeiten mit viel Zeitaufwand zu erlernen.

Das Mittel, mit dem wir Kompositionen, Kunstwerke und Computerprogramme jetzt magisch erzeugen können, ist aber wieder genau die begrenzte menschliche Sprache, der es in ihrer Ambiguität und Fehlerhaftigkeit bereits ungemein schwer fällt, exakt zu beschreiben, wie man einen Ball von einer in die andere Hand wirft. Ich frage mich daher inzwischen oft, wie gut diese Idee eigentlich ist, auf die menschliche Sprache als Zugpferd zu setzen, das uns ins Zeitalter der allmächtigen künstlichen Intelligenz katapultieren soll. Wollen wir wirklich mit einer künstlichen Intelligenz zum Mars fliegen, die Schwierigkeiten hat, Flugbahnen eindeutig und mit möglichst geringem Informationsverlust zu beschreiben?

Dass Sprache allein nicht ausreicht, um aus einfachen Geisteswissenschaftlern plötzlich Informatikerinnen oder Informatiker zu machen, dass, entgegen der Ansicht von Scheuer (2026) Deutsch gerade nicht die neue Programmiersprache ist, scheint sich inzwischen immer mehr zu bestätigen. Der Vibe-Coding-Boom, der noch vor Kurzem so energisch befeuert wurde, und suggerierte, dass jetzt jeder mit Hilfe natürlicher Sprache komplexe Programme schreiben kann, hat sich so nicht bestätigt und musste strukturierteren Ansätzen weichen, die informatisches Grundwissen und Problemlösungskompetenz voraussetzen (vgl. Hosbach 2026 zum Spec-Driven Development). Auch in Bezug auf die bildende Kunst scheint sich zu zeigen, dass Profis Laien überlegen sind, wenn es um die textbasierte Bilderstellung geht (Eisenmann et al. 2026). In Bezug auf die Musik wird es wohl ohnehin noch eine Weile dauern, bis Sprachmodelle die Arbeit professioneller Komponisten gefährden.

Es gibt definitiv Szenarien, in denen Große Sprachmodelle digitale Arbeiten erleichtern können. Noch viel wichtiger als der Boom um All-Purpose-Chatbots, die vorgeben, alles zu können, am Ende aber vor allem viel Textgeschwurbel produzieren, sind aber gerade die Methoden und Tools im Bereich der Forschung zur KI, die sich nicht oder nicht ausschließlich auf menschliche Sprache stützen. Die menschliche Sprache ist faszinierend, dem stimme ich als überzeugter und leidenschaftlicher Sprachforscher auf jeden Fall zu. Ihre Fähigkeit wird aber viel zu oft unnötig überhöht. Nur wer seine eigenen Grenzen kennt, kann diese meistern lernen. Wenn wir die künstliche oder unsere eigene Intelligenz verbessern wollen, dann sollten wir uns nicht allein auf unsere menschlichen Sprachen verlassen.

Literatur

Eisenmann, Thomas F., Andres Karjus, Mar Canet Sola, Levin Brinkmann, Bramantyo Ibrahim Supriyatno, and Iyad Rahwan. 2026. “Expertise Elevates AI Usage: Experimental Evidence Comparing Laypeople and Professional Artists.” International Journal of Human–Computer Interaction, 1–22. https://doi.org/10.1080/10447318.2026.2669041.

Fröhlich, Marlen, Gerhard Jäger, and Asya Achimova. 2025. “Rethinking ambiguity across species.” Neuroscience & Biobehavioral Reviews 179: 1–8. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2025.106401.

Hosbach, Wolf. 2026. “OpenSpec: Software von KI mit Spezifikationen entwickeln.” Heise Online, July. https://www.heise.de/-11360349.

Kahneman, Daniel. 2011. Thinking, fast and slow. Doubleday Canada: Toronto.

List, Johann-Mattis. 2021. “Worüber man nicht reden kann…” Von Wörtern Und Bäumen 5 (7). https://doi.org/10.58079/vbqz.

Rubehn, Arne, Christoph Rzymski, Luca Ciucci, Kellen Parker van Dam, Alžběta Kučerová, Katja Bocklage, David Snee, Abishek Stephen, and Johann-Mattis List. 2025. “Annotating and Inferring Compositional Structures in Numeral Systems Across Languages.” In Proceedings of the 7th Workshop on Research in Computational Linguistic Typology and Multilingual NLP (SIGTYP 2025), 29–42. Stroudsberg: Association for Computational Linguistics. https://aclanthology.org/2025.sigtyp-1.4/.

Scheuer, Stephan. 2026. “Warum Deutsch zur neuen Programmiersprache wird.” Handelsblatt. https://www.handelsblatt.com/100226695.html.

Wolf, Maryanne, and Mirit Barzillai. 2009. “The importance of deep reading.” In Challenging the whole child. Reflections on best practices in learning, teaching, and leadership, edited by Marge Scherer, 130–40. Alexandria: ASCD.

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Von Geistern verlassen

In Zeiten des Internets, in denen viele Begegnungen aus dem Virtuellen heraus initiert werden und zuweilen ausschließlich im Virtuellen stattfinden, hat sich das Ghosting zu einer weit verbreiteten Taktik entwickelt, unliebsame Beziehungen jeglicher Art auf sehr bequeme Art zu beenden, indem man sich einfach nicht mehr meldet. Während die althergebrachte Etikette von uns erwarten würde, dass wir ankündigen, den Kontakt abzubrechen, erlaubt uns die Taktik des Ghostings, auf Abschiedsworte zu verzichten. Man meldet sich einfach nicht mehr und hofft, dass das Gegenüber sich dann auch nicht mehr meldet.

Da ich soziale Netzwerke weitestgehend meide und auch mein persönliches Netzwerk an Bekannten relativ träge ist, kann ich mich kaum an Situationen erinnern, in denen ich persönlich geghostet wurde. Ich habe jedoch im universitären Kontext dem Ghosting ähnliche Taktiken bemerkt, und zwar sowohl in der Lehre wie auch in der Forschung.

In der Lehre habe ich es häufig sehr verwundert erlebt, dass sich Studierende in der Kommunikation mit mir irgendwann einfach nicht mehr melden. So kann es vorkommen, dass ich um die Begründung für eine Note gebeten werde und diese dann ausführlich per Email darlege, ohne je eine Rückmeldung zu erhalten, ob diese Begründung hilfreich war oder als solche akzeptiert wird. Auch bei Hausarbeiten, die Studierende bei mir schreiben wollen, ist es inzwischen eher die Ausnahme, dass man mir eine Email schreibt, in der ich informiert werde, dass die Hausarbeit nicht abgegeben werden kann. Der Normalfall ist, dass einfach zum Zeitpunkt der Deadline nichts eingereicht wird und ich mir dann meinen Teil denken muss. Ganz besonders interessant sind dann noch die Fälle von Studierenden von außerhalb, die mich wegen Praktikumsstellen anschreiben und so schnell wie möglich feste Termine organisieren wollen, bis sie dann plötzlich von der Bildfläche verschwinden und nie wieder zurück schreiben.

Alle diese Fälle sind bisher oft genug vorgekommen, um — auch wenn mein Beobachtungskorpus klein ist — sie nicht als Einzelfälle abzuhaken. Während ich es natürlich verstehe, dass man im Rahmen des Austauschs von Emails nicht immer verpflichtet ist, auf die letzte Email erneut zu antworten, so erstaunt es mich doch, wie selten ich eine Antwort mit einem “Dankeschön” erhalte, wenn ich mir die Mühe mache, innerhalb kürzester Zeit ausführlich auf studentische Fragen zu antworten. Dass jemand nicht erreichbar ist, ist schließlich einer der häufigsten Vorwürfe, den Studenten Dozenten machen. Wenn man es nicht schafft, eine Hausarbeit abzugeben, dann kann ich es natürlich schon verstehen, dass man das Thema gern abhakt, anstatt noch eine Email an die Betreuungsperson zu schreiben, in der man darlegt, dass man es nicht geschafft hat. Aber wenn die Universität als Vorbereitung für das Berufsleben dienen soll, dann gehört der transparente Umgang mit Absagen — oder das Eingestehen des Scheiterns — für mich zu einer wichtigen Fähigkeit, die einem in nahezu allen Berufen zugute kommen dürfte. Was das Ghosten beim Verlust des Interesses schließlich betrifft, wie ich es in einigen Fällen im Bezug auf Praktikumsanfragen erlebt habe, so kann auch dieses mitunter direkte Nachteile bergen, auch wenn es einem unmittelbar praktischer erscheinen mag, sich einfach gar nicht mehr zu melden. Man weiß nämlich nie — vor allem in der kleinen Welt der Elfenbeintürme — ob man sich nicht doch noch mal irgendwann über den Weg laufen wird.

Mir scheint, dass man die Motivationen, die hinter dem Ghosting stecken, in drei grundlegende unterteilen kann. Zum einen gibt es da die Schludrigkeit — Menschen denken einfach gar nicht daran, sich zu melden, weil sie andere Dinge im Kopf haben –, dann gibt es ein fehlendes Bewusstsein in Bezug auf die gängigen Umgangsformen — Menschen ist nicht bewusst, dass es unhöflich ist, sich nicht zu bedanken, wenn man ihnen geholfen hat –, und schließlich gibt es kalkulierende Berechnung — Ghosting wird dann taktisch eingesetzt. Das Problem mit der virtuellen Kommunikation ist leider, dass man sehr schwer erkennen kann, welche Motivation dem Ghosting eigentlich zugrunde liegt.

Ich überlege schon lange hin und her, ob ich in meinen Kursen an der Universität vielleicht mal eine halbe Stunde Einführung in die gängige Emailetikette einbauen sollte. Mir scheint tatsächlich, dass nicht alle, die in meinen Kursen sitzen, sich immer im Klaren darüber sind, wann man eine Email beantworten sollte, und wann es auch mal gut ist. Da gibt es natürlich auch immer eine gewisse Variationsbreite, aber ein paar einfache Regeln und Floskeln, auf die man immer dann zurückgreift, wenn man sich unsicher ist, könnten sicher vielen Studierenden im Umgang mit ihren Dozentinnen und Dozenten helfen.

Auch in der Forschung gibt es eine eigene Art von Ghosting. Hier denke ich weniger an das Unterlassen von Kommunikation, sondern an das Unterlassen des Zitierens bestimmter Arbeiten in wissenschaftlichen Publikationen. Ich versuche, wenn es das Format erlaubt, immer recht großzügig so zu zitieren, das möglichst viele zentrale Arbeiten erwähnt werden, deren Kenntnis wichtig ist, um den Forschungsstand zu erfassen. Mir ist jedoch schon seit längerem aufgefallen, dass es Fälle gibt, wo in wissenschaftlichen Arbeiten ganz bewusst bestimmte Arbeiten nicht zitiert werden, selbst wenn grundlegende Ideen sich mit diesen decken.

Auch das Ignorieren relevanter Arbeiten kann wohl in den meisten Fällen auf Schludrigkeit, Unwissenheit, oder Vorsatz zurückgeführt werden. Schludrigkeit und Unwissenheit gehen dabei wahrscheinlich oftmals Hand in Hand. Vor allem junge Wissenschaftler neigen oft dazu, sich auf ihre eigenen Ideen zu versteifen, ohne die Zeit ins breite Lesen zu investieren. Das kann dann schnell dazu führen, dass bestehende Ansätze neu erfunden und als neuartige Ideen verkauft werden. Auch bei älteren Semestern kann man es zuweilen immer noch erleben, dass sie vergessen, ihre vermeintlich neuen Ideen gründlich darauf zu überprüfen, ob ähnliche Ansätze schon veröffentlicht wurden. In meiner eigenen Arbeit ist es auch schon vorgekommen, dass ich bei Veröffentlichungen erst im Nachhinein relevante Publikationen entdeckt habe, die ich eigentlich hätte zitieren müssen.

Manchmal erlebe ich es aber auch, dass ganz bewusst ignoriert wird, um einer wissenschaftlichen Schule, einer bestimmten Person oder einer bestimmten Arbeit nicht zu viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Diese Art von Ghosting grenzt natürlich schon eng an wissenschaftlichem Fehlverhalten. Es ist aber schwer, dieses auch nachzuweisen, da man im Zweifelsfall immer plädieren kann, von den ignorierten Arbeiten nichts gewusst zu haben.

Wenn ich fehlende Literatur als Gutachter entdecke, weise ich natürlich immer direkt darauf hin. Dabei ist es nicht oft, aber doch schon einige Male vorgekommen, dass aus meinen Hinweisen in Folgeantworten der Autoren eine regelrechte Diskussion entstand, ob nun ein Werk zitiert werden müsste oder nicht. In diesen Fällen sehe ich inzwischen immer ein recht klares Indiz für vorsätzliches Ghosting, auch wenn ich als Gutachter nicht weiter darauf eingehe. In einem Fall ging es so weit, dass mir von seiten der Autoren vorgeworfen wurde, meine Gutachterrolle zu missbrauchen, um einem Artikel unverdiente Zitate zu bescheren. Ich habe in diesem Fall dann die Gutachterrolle aufgegeben, wie ich es inzwischen fast immer mache, wenn ich den Eindruck habe, dass Autoren feindlich auf meine Gutachten antworten.

Dies weist auf ein allgemeines Dilemma mit den Gutachten im Peer-Review-Verfahren hin. Auf der einen Seite können Gutachter wirklich ihre Rolle missbrauchen, und die Zitate für bestimmte Arbeiten erzwingen, selbst wenn die keinen Sinn machen. Eine frühe Lehre, die mir ein Herausgeber einer Zeitschrift mit auf den Weg gab, war, dass der Gutachter immer Recht habe und man eigentlich immer tun sollte, was einem von den Gutachtern gesagt wird, wobei die Kunst eben darin liege, die Gutachter zufrieden zu stellen, ohne die eigenen Überzeugungen zu verraten. Dieser Tip hat sich als so wertvoll erwiesen, dass ich ihn auch an meine Doktorandinnen und Doktoranden weitergebe und aktiv einübe, wenn wir gemeinsam Artikel schreiben und auf Gutachten reagieren müssen. Auf der anderen Seite können auch Autoren sich falsch verhalten und Arbeiten anderer konsequent und bewusst ignorieren, um deren Einfluss zu verringern, oder sich klar für eine bestimmte Schule zu positionieren. Welche Situation häufiger ist, kann ich nicht beurteilen. Das Totschweigen der Arbeiten bestimmter Schulen ist aber nach meiner Erfahrung nicht unbedingt eine Seltenheit, zumindest nicht in der Vergleichenden Sprachwissenschaft.

Ich weiß leider nicht, was sich machen ließe, um diese Situation zu verbessern.
Man kann an dem Beispiel wieder gut sehen, dass die wissenschaftliche Methodologie weit weniger einheitlich, transparent und ideal ist, als dies gern nach außen propagiert wird.
Ich bin mir aber ganz sicher, dass uns eine offene Diskussion über das
Ghosting nicht nur im persönlichen Umgang, sondern auch im Kontext von Lehre und Forschung sicher gut tun würde.