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Vom Konsumieren von Information

Ich konsumiere Informationen in der Form von Zeitungsartikeln meist genauso routiniert und auch schnell, wie ich mit Fastfoodgerichten umgehe: ich ziehe sie mir rein. Wenn man sich etwas reinzieht, dann tut man das prototypischerweise im Stehen oder sogar im Gehen. Das, was man sich reinzieht, wird routinemäßig verarbeitet, indem es vom Mund oder vom Gehirn in mittelgroße bis klein Brösel zerkaut wird, die klein genug sind, um in den Tiefen von Speiseröhre und grauer Substanz verschwinden zu können. Dort vereinen sie sich mit den anderen Dingen, die man sich zuvor reingezogen hat, und liefern dem Körper die nötige Grundlage, um den Tag erfolgreich durchzustehen. Das Essen liefert Kalorien, Nachrichten liefern mir Zerstreuung. Beide setzen bestimmte Gefühle von Glück und Zufriedenheit frei.

Während ich beim Konsumieren von Nachrichten selten über die Form der Nachrichten selbst reflektiere, genausowenig, wie ich mir bei einer Bratwurst selten Gedanken über ihre Konsistenz oder Würzung mache, brachte mich ein Artikel über den ZDF-Intendanten Norbert Himmler (Tieschky, 2026), den ich mir vor Kurzem reinziehen wollte, dann aber doch überraschenderweise erst zum Stutzen und später dann auch zum Nachdenken.

Was an dem Artikel meine Aufmerksamkeit erregte, waren die ersten beiden Absätze, die dazu dienten, locker und flocking in die Thematik einzuführen, und sich der typischen anekdotenhaften Form bedienten, die man in so vielen Zeitungsartikeln wiederfindet. Anstatt direkt zu berichten, dass Himmler als Intendant des ZDF wiedergewählt werden möchte und der einzige Kandidat sei, ging der Artikel auf einen komischen Kasten mit Sand am ZDF-Gebäude in Mainz ein, den man zur Entspannung mit einem Rechen durchziehen kann, um irgendwelche Muster zu formen. Dann schwenkte der Artikel auf Norbert Himmler über und erklärte, dass Himmler den Kasten nach der Wahl wohl kaum benutzen würde.

Diesen Freitag will Intendant Norbert Himmler für eine zweite Amtszeit vom Fernsehrat bestätigt werden, und auch wenn das filmisch eine arg interessante Szene wäre: eher unwahrscheinlich, dass Himmler mit dem Hölzchen in der Hand spätabends die Sorgen um seine Wiederwahl im Sand besänftigen muss. Schon deshalb, weil er der einzige Kandidat ist. (Tieschky 2026, Absatz 2)

Während mich diese typischen Einleitungen, die in so vielen Zeitungsartikeln verwendet werden, um in ein Thema auf eine scheinbar interessante Art einzuführen, selten stören, da ich sie einfach geistig mitnehme und ignoriere, genauso wie ich die Alufolie akzeptiere, in die oftmals Döner eingewickelt werden, schien mir diese Anleitung das Prinzip der freundlich und unterhaltsam aufbereiteten Information dann doch gewaltig übertrieben zu haben.

Was interessiert mich ein Sandrechen in einem Artikel über die geplante Wiederwahl des ZDF-Intendanten? Warum muss jeder zweite Zeitungsartikel ohnehin mit einer dieser Mini-Anekdoten beginnen, die dann am Ende – die Ringkomposition der antiken Rhetorik lässt grüßen – wieder aufgegriffen werden, um die große virtuelle Klammer zu schließen, die zu Beginn geöffnet worden war? Brauchen wir diese Struktur wirklich, um Information zu vermitteln?

Es ist klar, dass wir sie nicht brauchen. Es handelt sich eher um eine Marotte von Journalisten, als um eine rhetorische Form, die durch die Inhalte oder die Ziele der Informationsvermittlung begründet werden kann.

Was aber weniger klar ist, und hier kommt dann auch die Wissenschaft ins Spiel, ist, inwiefern wir bereit wären, Information zu konsumieren, wenn sie nicht mit ein bisschen Liebe aufbereitet worden wäre. Beim Essen ist die Situation ja ähnlich. Wir konsumieren gerne Dinge, die ansprechend aussehen. Was wir ansprechend finden, ist zum Teil sicher kulturell begründet, aber zum Teil eben auch durch unser Menschsein und durch unsere menschlichen Körpert mit ihren menschlichen Bedürfnissen im Allgemeinen.

Wir sprechen auf Süßes an und auf Fettiges, sehr gerne auch auf die Kombination der beiden. Die Erscheinung des Essens gibt uns Vertrauen in dessen Qualität. Wenn bei einem Streetfoodladen im Sommer das Fleisch grünlich schimmert, wartet man lieber auf die kältere Jahreszeit, die den fehlenden Kühlschrank ersetzt und die Wahrscheinlichkeit, sich eine deftige Fleischvergiftung einzufangen, sicherlich reduziert. Wenn man in einem Restaurant sitzt, in dem die Tischdecke aussieht und sich anfühlt, als hätte sie bei den vorangegangenen Gästen als Serviette gedient, dann hegt man sicher auch zurecht gewisse Zweifel an der Hygiene in der Küche. Wenn Dubai-Schokolade visuell und haptisch als Knödel konzipiert worden wäre, der an frische Berliner Hundehaufen erinnert, dann hätte sie sicherlich viel weniger Abnehmer gefunden, national wie international.

Das Auge isst also immer mit, wenn wir etwas zu uns nehmen. Genauso liest das Auge aber eben auch mit, wenn wir Informationen konsumieren. Je nachdem, wie wir kulinarisch und literarisch sozialisiert worden sind, neigen wir unterschiedlichen Formen von Speisen und Nachrichten zu. Ich selbst liebe ja die Zeitung, genauso wie ich sauber beschmierte Butterbrote mit Käse mag. Andere stehen eher auf lustige Videos oder Burger von Fastfoodketten. Wieder andere gehen zum Sternerestaurant und lesen Derrida zur Entspannung.

In jedem Fall machen wir die Qualität dessen, was wir konsumieren, davon abhängig, wie wir dessen Form wahrnehmen. Die oben erwähnte Ringkomposition beglückt leicht zu beeindruckende Leser wie mich normalerweise gehörig, genauso wie ein Leberkäsestückchen im Kaiserbrötchen mit wahlweise Senf oder Ketchup anderen Menschen kulinarische Freudensprünge bescheren kann. Nur in dem erwähnten Artikel wirkte sie dann doch so fehlplatziert, dass sie mir in Erinnerung rief, dass ich sie eigentlich gar nicht brauche, um den Inhalt zu rezipieren, genauso, wie man die Salatgarnitur nicht braucht, um das Schnitzel zu verzehren.

Die Frage ist nun aber, wie es sich denn mit der Gestaltung von Information in der Wissenschaft verhält? Denn wenn man von ihren zwei Grundprinzipien, dem transparenten Erkenntnisgewinn und dem Kampf um die besten Ideen ausgeht (List, 2025), dann könnte man zumindest auf den ersten Blick erwarten, dass die Aufbereitung von Information für die Wissenschaft nebensächlich sein sollte, solange Information nur so aufbereitet wird, dass sie transparent erfasst werden kann. Da der Kampf um Ideen jedoch voraussetzt, dass Menschen von diesen überzeugt werden müssen, kann sich kein Bereich der Wissenschaft vollkommen von dem Vorwurf freisprechen, im Ideenkampf auf rhetorische Mittel zurückzugreifen.

Denn wer andere davon überzeugen möchte, dass bestimmte Ideen besser als andere sind, wird sich in der Praxis nie allein darauf verlassen, dass der Kampf durch allwissende Schiedsrichter entschieden wird, welche den Inhalt von Argumenten ohne deren Form bewerten. Die Form, in der Argumente vorgetragen werden, spielt in der Wissenschaft eigentlich immer eine Rolle, auch wenn Wissenschaft Betreibende das ungern zugeben möchten. Wir stützen uns auf eingängige Terminologie, auf visuell ansprechende Graphiken und auf klare Argumente, um mit unseren Ideen zu überzeugen. Wir lernen dabei sehr früh in unserer Ausbildung, dass es gerade diese formalen Punkte sind, die über den Erfolg von Ideen, die in Artikeln geteilt werden, entscheiden können. Genauso wie saubere – unseren Erwartungen entsprechende – Formen beim Essen unser Vertrauen darin steigern, dass dieses uns schmecken und guttun wird, so ist es auch die Form, in der man uns Information vermittelt, die entscheidet, ob wir ihr vertrauen.

Während die Zubereitung von Informationen im Journalismus dabei ihren eigenen Regeln folgt – welche durch soziale Medien im Umbruch begriffen sind – haben sich auch in den einzelnen Zweigen der Wissenschaft spezifische Regeln etabliert, an die man sich halten muss, wenn man zu den Kolleginnen und Kollegen durchdringen will. Natürlich sind Abweichungen von der Regel in der Wissenschaft genauso möglich wie im Journalismus und der gehobenen Kochkunst. Kreatives Abweichen vom Mainstream ist in jedem Bereich möglich. Sie ist aber die Ausnahme und nicht die Regel, und selbst das bewusste Abweichen von etablierten Regeln stellt ja eine explizite Auseinandersetzung mit denselben dar.

Die Rhetorik jedenfalls zieht sich durch alle wissenschaftlichen Prozesse. Schon beim Einreichen von Artikeln kann sie entscheiden, wie lange es dauert, bis ein Artikel veröffentlicht wird, da Artikel mit guten Illustrationen und klaren Argumenten, Strukturen und Ergebnissen in den meisten Fällen erfolgreicher sind, als Artikel, deren Erkenntnisse in der Begutachtung mühsam entschlüsselt werden müssen.

Nach der Begutachtung muss man sich taktischer Rhetorik bedienen und dafür sorgen, die Gutachterinnen und Gutachter nicht zu vergrätzen, selbst wenn man diesen nicht glaubt und ihnen nicht vollkommen folgen will. Allein der Umgang mit Gutachtern ringt Wissenschaftlern zuweilen rhetorische Höchstleistungen ab, die an Sophismus grenzen können.

Da Rhetorik es aber auch ermöglicht, die Inhalte zu verfälschen, genauso wie man Essen aus verschimmelten Zutaten so anrichten kann, dass keiner imstande wäre dessen Verdorbenheit zu erschmecken, würde man in der Wissenschaft eigentlich gern auf sie verzichten. Denn wir wollen ja schließlich wissen, was drin ist, in dem Argument. Da die ästhetische Aufbereitung von Information aber anscheinend essentiell für unsere kognitive Architektur ist, und vielfältige Funktionen erfüllt, die über die bloße Schönheit von Argumenten hinausgeht, denke ich nicht, dass wir etwas erreichen, wenn wir die Rhetorik aus der Wissenschaft verbannen.  Es bringt nichts, wenn wir anfangen, nur noch zwei, vier, oder mehr Beispiele aufzuzählen, wenn unser ästhetischer Appetit nach einem Trikolon lechzt (vgl. Miller 2019 zur rhetorischen Rolle der Zahl drei, sowie Carlson & Shu 2007 zu psychologischen Aspekten). Auch scheint es mir durchaus wichtig, die Rolle von Titeln in wissenschaftlichen Arbeiten klar zu kommunizieren, zu analysieren, und eine entsprechende Zeit in gute Titel zu investieren (vgl. Haggan, 2004 zu Titeln in wissenschaftlichen Publikationen).

Klar ist auch, dass wir eine klare Diskussion über die Rolle, die die Form für wissenschaftliche Argumente, spielt, führen müssen, und uns in der Verwendung von Sprache im wissenschaftlichen Schreiben gut über grob manipulierende Sprache informieren, um sie zu vermeiden (vgl. dazu Corneille et al., 2023). Noch wichtiger scheint es mir allerdings, in Kombination mit einem bewussten Bekenntnis zu bestimmten ästhetischen Zielen in wissenschaftlichen Publikationen darauf zu achten, dass wir transparent bleiben in unserem Handeln.

Gute Küchen liefern eine Liste der Zutaten mit Hinweisen zu deren Herkunft und lassen die Menschen beim Kochen zuschauen. Dass immer noch so viel Wissenschaft betrieben wird, die sich diesen einfachen Regeln der Transparenz im Rahmen einer offenen Forschung versperrt, schmerzt mich noch viel mehr, als wenn ich schlecht formatierte und schlampig formulierte Texte lesen muss, deren Autoren sich hochnäsig auf die Genialität ihrer Inhalte verlassen.

Literatur

Carlson, K. A., & Shu, S. B. (2007). The rule of three: How the third event signals the emergence of a streak. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 104(1), 113–121. https://doi.org/10.1016/j.obhdp.2007.03.004

Corneille, O., Havemann, J., Henderson, E. L., IJzerman, H., Hussey, I., Xivry, J.-J. O. de, Jussim, L., Holmes, N. P., Pilacinski, A., Beffara, B., Carroll, H., Outa, N. O., Lush, P., & Lotter, L. D. (2023). Beware “persuasive communication devices” when writing and reading scientific articles. eLife, 12. https://doi.org/10.7554/elife.88654

Haggan, M. (2004). Research paper titles in literature, linguistics and science: dimensions of attraction. Journal of Pragmatics, 36(2), 293–317. https://doi.org/10.1016/s0378-2166(03)00090-0

List, J.-M. (2025). Kann man verantwortungsvolle Wissenschaft mit KI betreiben? Von Wörtern Und Bäumen, 9(12). https://doi.org/10.58079/15cdq

Miller, J. L. (2019). Rhyme, reason, and rhetoric. Physics Today, 2019(8). https://doi.org/10.1063/PT.6.3.20190815a

Tieschky, C. (2026). Öffentlich-Rechtliche ,,Wir sind Teil dessen, was zuerst angegriffen wird”. Süddeutsche Zeitung, 82. https://www.sz.de/li.3395500

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Auch das Auge liest mit

Ich höre häufig Klagen von Kolleginnen und Kollegen, dass das neue Publikationswesen ihnen immer mehr Fähigkeiten im Bereich des Publizierens abverlangt, die sie als Wissenschaftler eigentlich gar nicht benötigen sollten, wenn der Wissenschaftsbetrieb denn normal wäre. Das Setzen von Artikeln in eine Form, die schön zu lesen ist und idealerweise direkt in Druck gehen sollte, wird dabei zum Beispiel als etwas angesehen, was eigentlich nicht zum Arbeitsbereich von Wissenschaftlern gehören sollte, da diese ja besseres zu tun haben, nämlich sich um Inhalte zu kümmern. Dazu passt auch, wenn gestandene Professoren das Schönmachen von Texten ihren Mitarbeitern überlassen, oder sich aus Zeitgründen von Fortbildungen im Bereich des Textsetzens fernhalten (und ihre Mitarbeiter hinschicken, damit die Bescheid wissen).

Gleichzeitig sehe ich immer wieder, wie schwer sich Studierende damit tun, einfache Worddokumente so zu schreiben, dass sie eine klare visuelle Struktur aufweisen. Das geht so weit, dass ich inzwischen dazu übergegangen bin, ein komplettes Betreuungspaket mit einer Onlineversion von Word anzubieten. Studierende bekommen von mir ein Template, können darin schreiben, und ich korrigiere schon mal ganze Absätze und sorge dafür, dass der Flattersatz verschwindet oder die falsche Nummerierung. Zwar heißt es immer, dass es ja Kurse gäbe, die in die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens einführen, aber entweder reichen diese Kurse nicht aus, weil die Studierenden sie nicht ernst nehmen, oder sie decken die wirklich wichtigen Themen moderner Forschung — zu denen das Setzen, das Typesetting von Artikel definitiv auch gehört — einfach nicht ab.

Beim Gitarrenunterricht in meiner Jugend meinte mein Lehrer immer “auch das Auge hört mit”. Was er damit meinte, war natürlich, dass die ganze Körperhaltung eines Musikers zum Hörerlebnis beiträgt. Ich sage den Studierenden inzwischen immer “auch das Auge liest mit”, was natürlich Quatsch ist, weil es ja das Auge ist, das ohnehin liest, aber es ist insofern wichtig, weil ich der Ansicht bin, dass Inhalte vor allem auch durch ihre Gestaltung aufgenommen werden.

Wenn man gute Graphiken erstellen kann, hat man einen Vorteil in Forschung und Lehre, denn man kann seine Gedanken nicht nur in Worten, sondern auch in visuellen Strukturen teilen. Ich bin überzeugt, dass ich die Forschungsprojekte, die mir bewilligt wurden, vor allem auch deshalb bewilligt bekommen habe, weil ich mich so um ein gutes Layout bemüht habe, das von einheitlichen Farbschemata bis hin zu Logos für einzelne Projektabschnitte reichte. Ich bin auch überzeugt, dass mir die Graphiken in meinen Publikationen und in der Lehre helfen.

Die Fähigkeit, einen Artikel nicht nur inhaltlich zu schreiben, sondern auch äußerlich zu gestalten, ist für mich ein integraler Bestandteil meines Schaffens als Person, die forscht und lehrt. Ich würde sie nie auslagern wollen und denke auch nicht, dass ich in irgendeiner Form besser forschen würde, wenn ich ohne das Setzen von Texten oder das Erstellen von Graphiken forschen könnte oder müsste.

Vielleicht geht es nicht allen Kolleginnen und Kollegen so. Ich bekomme oft Textvorschläge zugesandt, auch ganze Anträge auf Forschungsförderung, die unprätentiös in Flattersatz gehalten sind, oder zuweilen sogar in reinem Text in Emails. Wenn ich gebeten werde, mich einzubringen mit Kritik und Vorschlägen zur Verbesserung, bitte ich eigentlich immer darum, mit einer sauberen, gut formatierten Version anzufangen, wobei mir das Format in dieser Hinsicht egal ist. Ich habe Kollegen, die sich weigern, Worddokumente anzuschauen, weil sie LaTeX so viel schöner finden. Diese dogmatischen ästhetischen Hürden gibt es für mich nicht.

Allerdings ist es mir wichtig, dass mir schon in der frühen Phase des Erstellens von Texten ein sauber formatiertes Dokument vorliegt, das ich nicht nur mit dem Geiste inhaltlich, sondern auch mit dem Auge ästhetisch lesen kann. Es macht für mich einen Unterschied, ob man etwas im Flattersatz lässt, wo man Absätze einbaut, und ob man Literaturangaben nun wirklich auflistet, oder lediglich ein +++ QUOTE XYZ !?! +++ im Text hinterlässt.

Ich habe nicht zwangsläufig ein Problem damit, wenn man einen Text erstellt, in dem man die Abbildungen nicht einfügt, sondern sie gesondert liefert und dies im Text markiert, wie von einigen Verlagen unsinnigerweise gefordert wird. Ich habe nicht mal grundsätzlich ein Problem mit Flattersatz. Ich finde es aber schwierig, mich mit Texten auseinanderzusetzen, die unambitioniert in Bezug auf Struktur sind. Ich schicke Texte am liebsten sofort zurück, ohne sie genauer zu lesen, wenn ich sehe, dass mal die Überschrift mit Großbuchstaben beginnt, mal nicht, oder dass jemand mal einen Punkt nach der Zahl bei einer Kapitelüberschrift setzt und mal nicht. Ich werde wahnsinnig, wenn jemand einen Unterpunkt 1.1 in einem Text hat und die 1.2 fehlt.

Menschen sind sehr unterschiedlich in ihrer Wahrnehmung. Ich kann mir vorstellen, dass manch einer gut denken kann in einem Chaos von Textverschnitten, die sich scheinbar unzusammenhängend aneinanderreihen und in denen es nur so wimmelt von Ausrufezeichen, roten Schriftzügen, Fragezeichen und womöglich noch Kommentaren, die an den Rand geschrieben wurden. Ich sehe Texte eigentlich nur dann gut, wenn ich sie vor meinem wirklichen Auge anschauen kann und einen unmittelbaren Eindruck davon bekommen kann, wie sie am Ende aussehen werden.

Ich arbeite gern und oft mit Programmen, wo man das Endprodukt nicht sehen kann, wo man also einen Text mit bestimmten Formen von Markup schreibt und nacher diesen dann in die Endform umwandelt (das Textsatzprogramm LaTeX ist das beste Beispiel dafür, es schreckt viele ab und wird von einigen abgöttisch verehrt). Einen rohen Text zu sehen während des Schreibens. ist nicht das Problem für mich. Das Problem ist, nur den rohen Text zu sehen und nie einen Blick auf das Endprodukt werden zu können. Ich muss auf eine PDF schauen, idealerweise auf einem großen Screen, und mir vorstellen, wie es ist, die PDF in einem Buch in der Hand zu haben.

Es scheint nicht allen Menschen so zu gehen mag, dass sie den tiefen Drang spüren, einen Text in gesetzter Form oder zumindest in einer ansehnlich lesbaren Form vor sich zu haben, wenn sie wissenschaftliche Arbeiten produzieren. Ich habe mich manchmal gefragt, ob mein Insistieren auf gutem Layout nicht vielleicht zu streng ist, und dazu führt, dass Doktorstudierende und Studierende in meinem Kursen an der Uni zu viel in ihrer Freiheit, die ja auch Kreativität entfalten kann, eingeschränkt werden.

Meine Erfahrung hat aber gezeigt, dass vielen Menschen einfach die Fähigkeiten fehlen, Texte sauber zu setzen, und dass sie deshalb unordentlich schreiben. Wenn ich hier auf sauberem Layout beharre und gleichzeitig Hilfestellung gebe, wie man dieses erreichen kann, helfen ich also am Ende sehr wahrscheinlich mehr, als dass ich schade. Ferner habe ich gemerkt, dass äußere Unordnung in Texten, die sich in inkonsequenter Groß-Klein-Schreibung (vor allem in englischen Überschriften), verwaisten Sektionen oder schludrig verfassten bibliographischen Angaben zeigen, häufig eben auch auf eine innere Unordnung in den Gedanken der Texte hinweisen, die spätestens in der Begutachtung auch also solche bemerkt und in Form schlechter Gutachten geahndet werden können.

Vor allem bei Anträgen auf Forschungsförderung, wo es wenig Formatvorgaben gibt, und man größtenteils einfach selbst verantwortlich ist für die Auflösung und Lesbarkeit von Graphiken, die allgemeine Lesbarkeit der Projektidee in Bezug auf Inhalt und Layout und die Klarheit der allgemeinen Struktur, lohnt es sich meiner Erfahrung nach ganz besonders, auf die äußere Gestaltung zu achten. Auch wenn man es als nutzlose Äußerlichkeit abtun kann, die eines Genies unwürdig wäre, so ist das Streben nach Klarheit, Transparenz, und einheitlicher Struktur, nicht nur im Gedanken, sondern auch im Layout, eben einer der entscheidenden Faktoren, die andere Menschen von der Qualität einer Idee überzeugen können. Vor allem die Geisteswissenschaften leben nicht nur von Texten, sondern auch von den Bildern, die diese Texte begleiten oder erzeugen.